Förderverein zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e.V.

Geschichten aus Landin  -  Teil 6  (2022)

Hier werden nach und nach Anekdoten aus dem Dorfleben, Geschichten aus früheren Tagen und Erlebnisberichte von Bewohnern und Freunden von Landin veröffentlicht.

Wenn Sie eine eigene Geschichte beisteuern wollen, melden Sie sich bitte beim Förderverein. Wir freuen uns über neue Beiträge!


 

Der Bohnenkönig von Landin

Ehe die Familie von Bredow nach Landin kam, gab es ein kleines Herrenhaus, das Jan von Lantyn gehörte. Er bewirtschafte das große Gut mit seiner Frau Dorothea. Sie hatten durch umfangreichen Landbesitz ein üppiges Auskommen und waren zufrieden. Dorothea von Lantyn hatte drei Söhne geboren Jakobus, Konrad und Ludger. Die drei Söhnen liebten sich so herzlich, dass sie auch als sie schon verheiratet waren, im Gutshaus wohnen blieben. Platz war genug für alle da und das Gut hatte Arbeit für die Großfamilie in Hülle und Fülle.

Natürlich hatte der Vater Jan bestimmt, dass sein ältester Sohn Jakobus alles erben sollte, aber der wollte nicht. Sei es nun, dass er seine jüngeren Brüder so sehr liebte, sei es, dass er sich als nicht geeignet ansah, das große Gut zu führen. Er bestand darauf, das Erbe nur mit seinen Brüdern gemeinsam zu verwalten.

Jakobus

Konrad

Ludger

Die Mutter Dorothea hatte wohl manche Nacht durchweint, aber sie konnte ihren ältesten Sohn nicht umstimmen. Als der Vater starb, rief die Mutter einen Familienrat mit ihren Söhnen, Schwiegertöchtern und Enkeln zusammen und sagte: „Heute ist der 1. Advent, ein neues Kirchenjahr fängt an und wir wollen heute ein Fest feiern und ich will euch einen Vorschlag machen.“ Es wurde also aufgetafelt. Nach der Rote Beete-Suppe gab es Entenbraten mit Rotkraut und anderen Gemüsen und als Nachtisch hatte die Mutter eine große Schüssel einer süßen Mehlspeise gekocht, die reichlich Bienenhonig und in Wein eingelegte Kirschen enthielt. Eine kleine Schüssel davon hatte sie separat gestellt und sagte:“ Diese Schüssel ist nur für meine Söhne bestimmt.“ Die Söhne mussten sich kleine Portionen selbst abfüllen und vor der Familie aufessen. Als Konrad seine Speise kostete, fand er eine Bohne darin. Die Mutter nahm die Bohne vom Teller ihres Sohnes und erklärte, dass ihr in den schlaflosen Nächten eine Idee gekommen wäre. Wenn alle damit einverstanden wären, wollten sie jedes Jahr zum ersten Advent ein solches Fest feiern und wer in der Nachspeise von den drei Söhnen die Bohne fände, der sollte ein Jahr lang der „Bohnenkönig“ sein und das Gut verwalten und alle anderen sollten sich seinen Anordnungen fügen. „Da Jakobus ja das Erbe nicht antreten möchte und ihr drei mit euren Familien hier wohnen bleiben wollt, finde ich das eine gute Lösung.“

Die Söhne fanden den Vorschlag annehmbar und so wurde jedes Jahr ein neuer Bohnenkönig ernannt, der dann das Gut führen musste. Das ging, solange, bis auch alle drei Söhne gestorben waren und die Familien sich doch zerstreut hatten und nun trat die natürliche Erbfolge wieder in Kraft. Aber die Kinder und die Dorfbewohnen sprachen noch viele Jahre über die Herrschaft der Bohnenkönige von Landin.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.11.2022


 

Eierlikör für den Kirchenrat

Pfarrer Hans Braune (Medaillon)
links neben ihm Bischof Otto Dibelius und daneben Superintendent des Kirchenkreises Rathenow Johannes Reichmuth (*27.04.1898 - † 07.02.1977)

Der Bauamtsleiter im Konsistorium der Landeskirche Berlin-Brandenburg war von 1953 -1966 Kirchenbaurat Winfried Wendland (*17.03.1903 - † 17.10.1998). Er arbeitete als Architekt seit 1949 im Kirchlichen Bauamt und übernahm ab 1953 die Leitung. Er war ein gestrenger Herr, der alle Baumaßnahmen an Kirchen genehmigen musste und manchmal auch Geld dafür zusteuerte. In Landin war Pfarrer Hans Braune (*14.04.1913) für die Kirche und die Gemeinde zuständig und sein Bruder war auch Pfarrer in Görne. Beide Brüder hielten engen Kontakt. Der Pfarrer Gerhard Adolph Theodor Braune (*27.06.1902) aus Görne war der Ältere und schon seit 1930 in Görne. Sein jüngerer Bruder schrieb ihm fast jeden Tag einen Brief und fragte ihn nach kirchlichen Dingen und wie er das handhabe? Es ging dabei aber auch um alltägliche Sachen, wie man zu einem Fahrzeug käme, denn es wurden immer mehrere Gemeinden betreut. Anfänglich konnten man nach dem Zweiten Weltkrieg ein Moped bekommen, das man selbst im thüringischen Suhl abholen musste. Wo bekam man dann dafür Ersatzteile her? Alles wurde zwischen den Brüdern über Briefe ausgetauscht. Pfarrer Hans Braune war seit 1950 Hilfsprediger in Kriele mit der Verwaltung Kotzen. Er ging 1960 nach Haage und 1970 nach Potsdam zur Heilig-Geist-Gemeinde. Aus dem Briefwechsel ging aber auch hervor, dass die Kirche in Landin kaputt war und im hohen Maße reparaturbedürftig. Durch die vielen Flüchtlinge in Landin gab es auch eine enorme Fluktuation unter den Gläubigen und dazu kam, dass die meisten Flüchtlinge katholisch waren. Es war aber in Landin keine Kerngemeinde, die die Baumaßnahmen mittragen konnten. Es kümmerte sich kaum jemand um die Renovierung der Kirche. Die beiden Brüder besprachen, dass das Fachwerk auf der Nord- und Ostseite ausgetauscht werden müsste.

Fachwerk der Landiner Dorfkirche, Ostseite (2022)

 

Fensterfront der Landiner Dorfkirche, Südseite (2022)

Auch die Gestaltung der Fenster wurde erörtert. Pfarrer Gerhard Braune aus Görne sah, dass in Landin an der Südseite Spitzbogenfenster waren, die nach seiner Meinung nicht dahin passten, weil die Kirche sonst ganz barock war. Er schlug vor, dass die Fenster rautenförmig gemacht werden sollten und genauso gestaltet werden, wie die viereckigen Fenster neben dem Altar.

Pfarrer Gerhard Braune aus Görne

Der Pfarrer Gerhard Braune aus Görne riet seinem Bruder, den Kirchenbaurat Winfried Wendland anzuschreiben, denn ohne Hilfe der Kirchenleitung wäre das nicht zu bewältigen. Der kam aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger Kirchenoberbaurat Curt Steinberg (*12.12.1880 - † 13.12.1960) nicht regelmäßig in die Gemeinden. Der Kirchenoberbaurat Curt Steinberg besuchte vor 1945 die Gemeinden vier bis fünfmal im Jahr.

Der Pfarrer Hans Braune aus Landin schrieb am 17.11.1951 an den Kirchenbaurat Winfried Wendland.

Sehr geehrter Herr Architekt,

wollen Sie nicht am 28. und 29. November zu mir kommen? Sie schlafen im Kotzener Pfarrhaus in der großen Stube, in der Sie doch so trefflichen Eierlikör gebraut haben, sodass der Volkswagen danach wie ein Bienchen lief. Ein ordentliches Bett kann ich Ihnen reinstellen und Ihr Fahrer kommt bei der Gemeindeschwester in Kotzen unter. Es ist hier schon alles abgesprochen. Geben Sie mir doch bitte Nachricht, ob ich mit Ihrem Glanz in meiner bescheidenen Hütte rechnen darf? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie zu mir kämen.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Pfarrer Hans Braune

Winfried Wendland kam und braute mit Pfarrer Hans Braune den Eierlikör mit viel Zucker, einer großen Menge Eigelb und echtem russischem Wodka. Aber offensichtlich ist der Likör misslungen oder der Wodka war doch billiger Fusel.

Der missratene Eierlikör für den Kirchenbaurat Wendland

Es ging um die Form der Fenster in der Landiner Kirche und die Art der Verglasung. Der Pfarrer Hans Braune wollte die Fenster in Rautenform haben. Der Kirchenbaurat wollte dem Vorhaben in der Landiner Kirche nicht zustimmen. Er war als oberster Bauherr der Kirchenleitung in der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg für alle Baumaßnahmen zuständig. Aber ob es nun romanische, gotische oder barocke Kirchen waren, bei der Farbgebung durften nach Meinung des Kirchenrates Winfried Wendland nur drei Farben verwendet werden: Grau, Weiß oder Gold. Das trug ihm den Spitznamen: Grauweißgold ein.

Kirchenfenster Dorfkirche Landin (2022)

Stattdessen schrieben sich beide gegenseitig endlose Beschwerdebriefe. Der Eierlikör hatte seine Wirkung völlig verfehlt. Der Kirchenrat beschwerte sich beim Superintendenten des Kirchenkreises Rathenow, Georg Heimerdinger und später bei dem Superintendenten Johannes Reichmuth, über den Pfarrer Hans Braune und der Pfarrer Hans Braune beschwerte sich beim Bischof der Landeskirche, Otto Dibelius (*15.05.1880 – † 31.01.1967) über den Kirchenbaurat Winfried Wendland. Diese Streitigkeiten gingen fast sieben Jahre lang und der Kirchenrat Winfried Wendland lehnte alle Bauvorhaben des Pfarrers Hans Braune ab und brachte den Pfarrer bei jeder passender und unpassender Gelegenheit in Misskredit. Die Hoffnungen, die Pfarrer Hans Braune in den Kirchenbaurat Winfried Wendland gesetzt hatte, waren leider nicht erfüllt worden. Der Sinn Gottes Handeln ist für Menschen nicht erkennbar. So musste Pfarrer Hans Braune erkennen, dass trotz aller Anstrengungen eine Renovierung der Kirche damals nicht möglich war.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.10.2022


 

Warten vor der Kirche

Regina und Hannes Engelhardt

Regina und Margot Krohne wuchsen ohne Mutter mit ihrem Vater Reinhold in Landin auf. Die Mutter Martha war nach der Entbindung der jüngsten Tochter wegen einer psychischen Störung in die Nervenklinik nach Brandenburg an der Havel gekommen, wo sie von den Nazis ermordet wurde. Der Vater bekam einen formlosen Brief, dass seine Frau leider an einer Lungenentzündung gestorben war. Er durfte keine Nachforschungen anstellen, aber da sich solche Briefe aus der Nervenklinik häuften, ahnte Reinhold Krohne schon, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Erst nach dem Ende des Krieges 1945 erfuhr er, dass seine Frau wie viele andere psychisch kranke Menschen brutal ermordet worden war. Regina und Margot wuchsen heran und wurden sehr schön. Mit ihren Schulfreundinnen fuhren sie oft mit dem Fahrrad zusammen durchs Dorf und auch nach Kriele oder nach Friesack. Als sie junge Frauen geworden waren, fanden sie auch bald ihren Partner fürs Leben. Regina hatte sich in den Elektriker Hannes Engelhardt verliebt und nachdem sie eine Zeit lang zusammen gegangen waren, beschlossen die beiden, doch zu heiraten und fuhren am Samstag, den 10.06.1961 zum Standesamt nach Nennhausen, wo um 10:00 Uhr die Heiratsurkunde überreicht wurde.

Um 13:00 Uhr waren alle Freunde und Verwandten des jungen Paares zur Trauung in die Kirche nach Landin eingeladen worden. Man wollte Paar für Paar in einem Hochzeitszug vom Haus des Reinhold Krohne zur Kirche gehen.

Der Brautzug

 

Hochzeitstafel im Gasthof Muchow

Anschließend sollte die Hochzeit in Gasthaus Muchow gefeiert werden. Es war eine große Hochzeitsgesellschaft, die unter dem Geläut der Glocke zur Kirche schritt. Die Sonne schien so kräftig, dass das Brautpaar und die festlich gekleideten Gäste bald ins Schwitzen kamen. Es war herrliches Wetter. Aber das letzte Stück vor der Kirche stand ja die prächtige Lindenallee, die dem Brautpaar und ihren Gästen doch etwas Schutz vor den sengenden Sonnenstrahlen gab. Als Hannes Engelhardt und seine Frau vor der Kirchentür standen, kam der Küster heraus und sagte, „Der Pfarrer ist aber noch nicht da.“ Hertha Brunow war auch im Brautzug dabei und ging sofort zurück, denn sie hatte ja als eine der Wenigen im Dorf ein Telefon und rief den Pastor Karl Domsch an, der meinte, er hätte den Termin vergessen. In 20 Minuten sei er da. Als Hertha Brunow die traurige Nachricht überbrachte, fiel die Braut beinahe in Ohnmacht und sagte: “Das gibt es doch nicht!“ Ihr Mann tröstete sie aber und streichelte sie über die Wange und sagte: “Es sind ja nur noch zehn Minuten. Die halten wir schon durch.“ So stand der gesamte Brautzug 30 Minuten vor der Kirche und als Pastor Karl Domsch dann mit dem Fahrrad erschien und sich verlegen und mit vielen schönen Worten zu entschuldigen suchte, ging es in die Kirche und der Pfarrer verrichtete sein Werk. Die Braut wollte den Pfarrer bei der Feier nicht mehr sehen, ihr Mann beschwichtigte sie aber und sagte: „Das können wir nicht machen.“ Und so stimmte sie dann grollenden Herzens zu. Nach dem Segen ging der Brautzug zum Gasthof Muchow, wo eine Festtafel im Saal vorbereitet war und eine schöne Hochzeitsfeier stattfand, sodass Regina am Abend mit ihrem Schicksal wieder versöhnt war. Die Gäste hatten sich wohlgefühlt und viel gegessen und noch mehr getrunken. Ihr Mann hatte nach ihrem Geschmack wohl etwas zu viel getrunken, aber sie dachte, es ist unser Hochzeitstag. Das ist ja einmalig.

Hochzeitsreise in den Spreewald

So ging es in die Flitterwochen, die das junge Paar als kleine Hochzeitsreise in den Spreewald führte. Regina war glücklich. Sie war verheiratet und hieß jetzt Regina Engelhardt und war stolz auf ihren neuen Namen.

Ihr Mann fuhr jeden Tag zur Arbeit. Er war Elektriker bei der Deutschen Post und es gab Arbeit ohne Ende. Bald kam auch ihr Sohn Egbert zur Welt und sie lebten als glückliche Familie in Landin. Regina hatte mit ihrem Säugling zu tun und arbeitete auf der LPG. Manchmal kam Hannes etwas bierselig nach Hause und berichtete seiner Frau, die Kollegen hätten ihn noch auf ein Feierabendbier eingeladen. Diese Einladungen wurden immer häufiger und nach einiger Zeit kam Hannes Engelhardt fast jeden Tag angetrunken nach Hause. Regina redete mit ihm und er versprach, nicht mehr nach der Arbeit in die Kneipe zu gehen. Aber diese Phasen wurden immer kürzer und zum Schluss gab es nur noch Streit unter den Eheleuten. Regina warf ihm vor, er sei Alkoholiker und solle zum Arzt gehen und sich behandeln lassen. Hannes bestritt das und wurde richtig böse, wenn am Wochenende kein Bier zu Hause war. Regina war eine couragierte Frau. Sie stellte ihrem Mann ein Ultimatum und sagte zu ihm: „Entweder Du lässt dich behandeln oder ich trenne mich von Dir.“ Hannes versprach auch alles zu tun und bat seine Frau von einer Scheidung abzusehen. Er ging aber nicht zum Arzt und ließ seine nun auch für Regina erkennbare Krankheit nicht behandeln. Es half alles Zureden nichts. Schweren Herzens suchte sie die Rechtsanwältin Anita Graf in Rathenow auf, die die Scheidung auch ohne große Umstände durchsetzte. Hatte der Pfarrer Karl Domsch bei der Trauung schon eine Vorahnung vom Scheitern der Ehe gehabt? Der Chef der Deutschen Post hatte mit Hannes Engelhardt ebenfalls schon viele erfolglose Gespräche wegen seiner Trunksucht geführt. Hannes musste Angst um seine Arbeit haben, denn als Elektriker war es nicht ganz ungefährlich betrunken zu arbeiten. Regina zog aus der gemeinsamen Wohnung aus und wohnte zunächst bei ihrer Schwester Margot. Auf einer Geburtstagsfeier ihrer Schwester lernte sie Joachim Kurth kennen, den sie schon aus der Schule in Kriele kannte und verliebte sich in ihn. Es dauerte nicht lange und man ließ sich auf dem Standesamt in Nennhausen zusammenschreiben. Mit Joachim führte sie eine harmonische Ehe, denn er war ein ruhiger und fleißiger Mann, der seine Frau über alles liebte und ihr jeden Wunsch erfüllte, wenn es ihm möglich war. So wurden sie beide alt und sahen ihre Kinder und Enkelkinder heranwachsen. Regina hatte ihr Glück doch noch in Landin gefunden.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.09.2022


 

Josepha muss heiraten

Josepha Durchdenwald mit ihren Adoptivkindern

Josepha Durchdenwald und ihr Mann Franz lebten in einem Haus in Landin. Franz Durchdenwald betrieb eine kleine Landwirtschaft mit Kühen, Schafen, Schweinen und Hühnern und Josepha arbeitete gern in ihrem großen Garten hinter dem Haus, wo sie ganz viele Obstbäume gepflanzt hatte. Sie verkaufte Äpfel, Birnen und Pflaumen an die Rathenower und baute ihren festen Kundenkreis immer weiter aus.
1945 wurde ihnen ein Ehepaar mit zwei Kindern einquartiert, das die Russen aus ihrer schönen Villa in Rathenow rausgeschmissen hatten. Der Vater, Otto Köhne, verkaufte von 1927 – 1936 für eine Rathenower Firma Brillen und andere optische Geräte in Peking und die beiden Kinder Peter und Luise waren auch in Peking zur Welt gekommen. Der optische Betrieb in Rathenow ging aber pleite und so kehrte Otto Köhne mit seiner Frau Ottilie nach Rathenow zurück und arbeitete für eine andere optische Firma.

Die Kinder Peter und Luise wurden in Rathenow 1939 eingeschult, sprachen aber fließend chinesisch, weil sie in Peking eine chinesische Kinderfrau hatten. Als sie in Landin bei Franz Durchdenwald untergekommen waren, lebten sie doch in recht ärmlichen Verhältnissen. Otto Köhne, seine Frau Ottilie und die beide Kinder erkrankten 1949 an Typhus. Trotz aller ärztlicher Kunst starben die Eltern und Josepha adoptierte kurzerhand beide Kinder, weil Franz und Josepha Durchdenwald keine eigenen Kinder bekommen konnten.
Peter war sehr geschickt und hoch intelligent und half dem Vater in der Landwirtschaft, während Luise mit Josepha das Haus und die Obststreuwiese in Ordnung hielten. Peter machte an der Erweiterten Oberschule in Rathenow sein Abitur und studierte nach der Schule Jura an der Humboldt-Universität in Berlin. Peter Durchdenwald wurde später Richter am Bezirksgericht in Potsdam. Er hatte in Potsdam eine wunderschöne Frau gefunden und Potsdam war nun der Mittelpunkt seines Lebens geworden. Nach Landin kam er eher selten. Seine Mutter Josepha und ihr Mann Franz führten die kleine Wirtschaft solange es ihre Kräfte erlaubten. Als sie im Rentenalter waren, wurde der Hof von der LPG (Landwirtschftlichen Produktionsgenossenschaft) bearbeitet. Nur die Obststreuwiese hinter dem Haus behielt Josepha, solange sie konnte, unter ihrer Obhut.

Sie reisten mehrmals im Jahr in den Westen, denn Josepha hatte sieben jüngere Geschwister, die in Baden-Württemberg lebten. Das umständliche Antragsverfahren bei der Polizei in Rathenow störte sie nicht. Sie war an bürokratische Hürden gewohnt und so gab es neben den adoptierten Kindern viele schöne Erlebnisse in ihrem Leben. 1970 bekam Franz Durchdenwald einen Herzinfarkt und starb. Josepha und die Kinder betrauerten ihn lange, aber nach ein paar Jahren sagte Josepha sich: “ Ich will nicht den Rest meines Lebens allein sein. Ich gebe eine Kontaktanzeige auf. Vielleicht finde ich noch einen Menschen, der mit mir zusammenleben möchte.“ In der „Wochenpost“ gab sie also eine entsprechende Annonce auf und siehe da, es meldeten sich zehn Männer in passendem Alter. Josepha war eine gewissenhafte Frau und lud jeden Sonntag einen Mann zu sich zum Essen ein. Das reichte ihr, um einen Menschen in Augenschein zu nehmen. Nach dem Kennenlernessen kamen für sie zwei Männer in die engere Wahl, ein Professor aus Leipzig und ein Bauer aus der Altmark. Aber sie wusste nicht recht, was sie machen sollte und ging zu ihrer besten Freundin im Dorf Annemarie Mewes. „Annemarie,“ sagte sie zu ihr, „auf was würdest du mehr Wert legen Titel oder Herz?“
„Aber Josepha, was ist das für eine Frage, natürlich ist der Charakter eines Menschen wichtiger als der Titel.“

Josepha war zufrieden und ging fröhlich nach Hause und schrieb nun an den Bauern, wenn es ihm recht wäre, könnte er ja zur Probe bei ihr einziehen. Es war ihm recht und so wohnte Josepha mit Johann Gottfried Walther in Landin, Er hatte keine Verwandtschaft im Westen und reiste mit Josepha nun gern zu ihren Geschwistern. Die Verwandten in Baden-Württemberg waren schon sehr gespannt auf den neuen Partner von Josepha. Der Johann Walther war wirklich ein angenehmer Mensch. Er war natürlich nicht so für hohe Ansprüche gerüstet. Beim Mittagessen putzte er das Gemüse und schälte die Kartoffeln und Josepha machte das Fleisch und die Soßen und die feineren Sachen, aber sie verstanden sich prächtig. Nachdem die Westverwandtschaft ihn ausreichend beschaut und beschnuppert hatte, fanden ihn alle sehr nett und er wurde als Mitglied der Familie voll akzeptiert. Die Reisen nach Westdeutschland waren für Josepha und Johann immer auch Höhepunkte ihres Lebens, denn ihre Schwester hatte ihr auch eine Reise nach Mallorca geschenkt und so machten sie alle gemeinsam Urlaub am Mittelmeer und kamen ganz begeistert nach Landin zurück.

Aber bei einer der nächsten Reise bekam sie von der Polizei in Rathenow in der Rosa-Luxemburg-Straße eine Reiseerlaubnis für sich, aber nicht für ihren Partner. Sie war eine energische Frau und wollte sich das nicht gefallen lassen. Sie verlangte, den Chef der Behörde zu sprechen und fragte ihn, warum man die Reise für Herrn Walther abgelehnt hätte? Der Major Heinz Rehag sagte ihr ganz ruhig und höflich. „Liebe Frau Durchdenwald, die Reiseregelung der DDR gelten ja nur für Verwandte. Wir haben jetzt gesehen, dass Herr Walther mit ihren Geschwistern im Westen gar nicht verwandt ist. Also darf er auch nicht ausreisen.“ „Das ist doch Quatsch, wir leben ja zusammen." „Ja, aber Sie sind doch nicht verheiratet oder?“ „Natürlich nicht,“ sagte Josepha und verließ wütend das Büro. Sie rief ihren Sohn Peter in Potsdam an und sagte zu ihm: “ Stell dir mal vor, die Polizei lässt Johann nicht in den Westen, weil er nicht mit meinen Geschwistern verwandt ist. Ist das nicht unerhört? Was soll ich bloß machen? „Ja,“ sagte Peter, „das ist juristisch richtig, er ist ja mit deinen Geschwistern wirklich nicht verwandt. Aber du kannst ihn ja heiraten, dann ist er auch mit deinen Geschwistern wieder verwandt.“ „Meinst du wirklich, in unserem Alter?“
„Was spielt das Alter für eine Rolle, heirate ihn und dann könnt ihr wieder zusammen verreisen.“ „Na, gut, wenn du das so siehst, gehe ich mit ihm zum Standesamt.“

Josepha Durchdenwald und Johann Walther erschienen beim Standesamt und Josepha sagte dem Standesbeamten: “Ich muss heiraten so schnell wie möglich.“ „Sie......, in Ihrem Alter,“ staunte der Standesbeamte und schaute sie verwundert an. „Ja, so etwas kommt auch bei alten Leuten vor,“ sagte Josepha und ließ sich auf keine weiteren Fragen ein. „Wenn es so eilig ist, hätte ich für morgen um 14:00 Uhr noch einen Termin frei, wenn sie können?“ „ Ja, wir können,“ sagte Josepha Durchdenwald und so wurde sie am nächsten Tag mit Herrn Johann Gottfried Walther getraut und konnte nun mit ihm in den Westen fahren, so viel sie wollte. Am Ende fanden sie die Geschichte auch spaßig und erzählten sie überall herum.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.08.2022


 

Jens Bauer kauft ein Haus in Landin

Jens Bauer 1971 als Indianer im Kindergarten

Jens Bauer ist am 27.12.1966 in Rathenow geboren worden. Sein Vater, Bernd Bauer war Traktorist auf der LPG und seine Mutter Irmgard Käthe Bauer, geborene Lott, arbeitete als Verkäuferin im Dorfkonsum Kriele. Jens Bauer besuchte die Dorfschule im Schloss Kriele von 1972-1975 und kam dann an die Polytechnische Oberschule „Theodor Fontane“ im Schloss Stechow, wo er die 10. Klasse absolvierte.

Jens Bauer

Schulfreunde 1980
von links: Kay Schmidt, Guido Krakau, Jens Lerch und Jens Bauer

Von 1981 – 1984 lernte er den Beruf eines Zerspanungsfacharbeiters im VEB Stahl und Walzwerk Brandenburg an der Havel, wo er nach erfolgreich abgeschlossener Lehre als Zerspaner arbeitete. Von 1986 -1988 war er als Soldat der Nationalen Volksarmee in Seelow bei einem Pionierbataillon und ging danach wieder in seinen alten Betrieb im Stahl- und Walzwerk Brandenburg zurück, wo er bis 1991 als Facharbeiter für Zerspanung blieb. Danach war er als Zerspaner in Brielow und ab 2015 bei der Fima Intec in Wansdorf. Seit 1988 lebt er mit Anke Babucke zusammen, die er schon seit Kindergartentagen kennt.

Anke Babucke hatte Forstfachwirt gelernt und arbeitete zurzeit im Finanzamt Nauen. 1991 kaufte Jens Bauer ein Grundstück mit einem Haus von der Gemeinde Landin in der Parkstr. 2. Karl Muts und seine Frau hatte 1950 das Haus auf dem ehemaligen Schlossgartengelände von Landin erbaut. Die Muts waren Flüchtlinge und hatten ihren einzigen Sohn im Krieg verloren.

Kleines Haus Familie Muts

Der Um-und Neubau beginnt

Nach dem Tode des Ehepaares Muts kam der Kindergarten von Landin in dieses Haus und erfüllte es nun mit überquellendem Leben.

Im Jahr 2000 baute Jens Bauer das Haus vollkommen um. Es bekam einen neuen Dachstuhl und eine neue Veranda. Er baute so viel er konnte allein an dem Haus. Manchmal brauchte er aber doch eine Baufirma oder seine Freunde. An einem Samstag im Juni 2000 wollte Jens Bauer, sein Schwager, Guido Müller, den Dachstuhl mit Freunden aufbauen. Die Kumpel konnten ihm natürlich nur am Wochenende helfen. Ein Lehrling hatte aber versehentlich die Nagelkiste von Jens Bauers am Donnerstagabend auf sein Firmenauto gepackt und verbrauchte am Freitag alle Nägel auf einer anderen Baustelle. Als Jens Bauer am Samstag mit seinem Schwager den Dachstuhl aufsetzen wollte, hatte er keinen einzigen Nagel mehr im Haus und musste erst zur Firma Fürstenberg nach Rathenow fahren und eine Kiste voll Nägel kaufen. Mit den neuen Nägeln wurde der Dachstuhl von 7:00 – 14:00 Uhr aufgebaut.

Jens Bauer und seine Helfer feierten das Richtfest

Haus Parkstraße 2

Der Kranfahrer, der die Balken einzeln auf den Dachstuhl hievte, wunderte sich, dass das Absetzen so lange dauerte. Jens Bauer war Facharbeiter für Zerspanungstechnik und maß jeden Balken mit einem Nivelliergerät ein. Das brauchte seine Zeit, aber er hatte später ein leichteres Arbeiten bei den Ausbauten, weil alles perfekt saß. Aber auch das war dann geschafft und der Kranfahrer konnte an eine andere Baustelle fahren. Jens Bauer, als Bauherr, schlug den letzten Nagel ein und dann wurde das Richtfest gefeiert. Beim Richtfest sagte Guido Müller drei Segenssprüche für das umgebaute Haus auf:

Des Hauses Segen – Frömmigkeit!
Des Hauses Glück – Zufriedenheit!
Des Hauses Reichtum – Tätigkeit!

Die Heizung wurde in die Garage verlegt. Im Erdgeschoss befinden sich jetzt ein Wohn- und Schlafzimmer sowie eine Küche und ein Bad und im Obergeschoss befinden sich zwei kleine Zimmer und ein Bad. Als am 31.08.1992 dem Paar eine Tochter geboren wurde, war das Glück vollkommen.

Jens Bauer mit Tochter Liane

Anke Babucke mit Tochter Liane vor dem Haus ihrer Eltern in Landin

Die Tochter Liane Babucke bewohnte die obere Etage und legte am Jahngymnasium in Rathenow ihr Abitur ab, um anschließend erfolgreich Pädagogisches Management zu studieren.

Jens Bauer hat mit dem Haus und dem Garten in seiner Freizeit genug zu tun. Das Grundstück befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Schlossgartens von Landin und ist sehr groß. Rasen mähen, Holz sägen und alles in Ordnung halten erfordert doch seine Zeit. Er ist ein Handwerker und hat geschickte Hände. Vieles baut er am Haus selbst und wenn man ein Grundstück hat, ist immer etwas zu tun.

Spinat im Garten hinter dem Haus

Nussbaum im Garten

Jens Bauer sät und erntet in seinem Garten, alles was die fruchtbare Erde so hergibt. Die Spinaternte 2022 ist gut ausgefallen. Er säubert den Spinat und seine Frau bereitet ihn zu und dann wird er für den Winter eingefroren.

Der große Nussbaum im Garten spendet Schatten und schützt vor Mücken, wenn die Familie abends beim Abendessen draußen sitzen möchte oder am Wochenende Gäste zum Kaffee hat. Anke Babucke und Jens Bauer fühlen sich wohl in ihrem Heim in Landin. Sie finden auch nach all ihren Reisen ist Landin der schönste Platz auf der Welt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.07.2022


 

Klau-Krüger

Am Dorfeingang stand ein altes Häuschen, in dem wohnte eine Familie mit drei Kindern. Der Vater Wolfgang Krüger war Waldarbeiter und arbeitete im Staatlichen Forstbetrieb nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hatte eine muskulöse Figur, denn die schwere Waldarbeit trainierte den ganzen Körper und beanspruchte alle Muskeln. Er duftete immer nach grünem Wald und Sägespäne.

Wolfgang Krüger

Kiefernholzstapel

Wenn er in der Kneipe in Landin saß, zeigte er stolz seinen Bizeps und wollte immer mit den anderen Männern Wetthakeln machen, um ein Bier oder einen Schnaps zu gewinnen. Seine Frau Grethelotte war zierlich, aber sie ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen. Es war schwer die drei Kinder Gertrude, Sonja und Klaus in diesen Jahren zu ernähren. Das Essen war Mangelware bei der armen Waldarbeiterfamilie und so wurde der Vater doch mehrmals beobachtet, wie er bei den Bauern Eier aus dem Hühnerstall stahl. Auch das Holz, dass er reichlich aus dem Wald anfahren ließ, war wohl nicht nur der Anteil, den er sowieso bekommen hätte, sondern etwas mehr. Mancher der Kiefernstämme aus den großen Holzstapeln im Wald landete auf wundersame Weise auf den Hof von Wolfgang Krüger. Im Dorf nannten ihn daher alle Klau-Krüger.

Im Juni 1951, als das ganze Dorf beim Heuen war, soll er sich in den Kaninchenstall der Familie Bauer geschlichen haben und drei Kaninchen gestohlen haben. Als die Familie Bauer abends nach Hause kam, fehlten im Kaninchenstall drei Tiere. Man konnte dem Klau-Krüger nichts nachweisen, aber die Kinder von Klau-Krüger erzählten von einem Hasenbraten, den die Mutter gemacht hatte. Die fleischhungrigen Kinder bekamen selten ein gut gebratenes Stück auf den Teller und das war etwas Besonderes. Der Vater hätte im Wald einen Hasen in der Schlinge gefangen, so erzählten die Kinder. Das war natürlich auch verboten, aber doch am Rande der Legalität. So kam die Geschichte vom Hasenbraten der Krügers auch zur Familie Bauer, die den Braten sofort roch, aber nachweisen konnten man dem Klau-Krüger nichts. Er war außerordentlich vorsichtig. Für die Kinder schlich er sich nachts auf die Kuhweiden und molk heimlich die Kühe, damit man etwas Milch im Hause hatte. Erwischt wurde er dabei nie.

Als seine vorgealterte Frau nicht mehr so attraktiv für ihn war, suchte er eine Freundin im Dorf und fand in Juliane Richter eine ideale Partnerin. Juliane Richter hatte einen sehr alten Mann geheiratet und arbeitete mit Klau-Krüger im Wald.

Steinpilze

Offiziell zeigte Klau-Krüger ihr immer die guten Stellen, wo recht viele Steinpilze und Pfifferlinge wuchsen, denn die kannte er natürlich auch. Das ging so lange wie es ging, bis beide das Interesse aneinander verloren. In den Familien blieb diese Liebschaft verborgen, so dachten jedenfalls beide Beteiligten. Aber nichts ist so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen. Natürlich hatte der Förster das Pärchen auf einer Lichtung einmal beobachtet. Aber er war nicht der Mann, der auf Klatsch und Tratsch aus war.

Die Kinder waren inzwischen alle aus dem Haus und hatten eigene Familien gegründet. Gertrude hatte einen Mann aus Baden-Württemberg geheiratet und kam mit einem Audi aus dem Westen mit ihrer Familie im Sommer immer nach Landin, was für große Aufregung bei der SED und Regierung sorgte, denn dann stand ein Westauto ein paar Wochen vor dem Haus. Seine Frau Grethelotte wurde so gebrechlich, dass sie im Rollstuhl sitzen musste und er schrumpelte so langsam vor sich hin, bis er an einem Schlaganfall starb.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.06.2022


 

Die Pusteblume

Carmen von Waldow und Wilhelm Brunow

Paul Brunow und Elisabeth Brunow aus Landin hatten zwei Söhne, Arnold und Ernst Wilhelm. Arnold war Kutscher geworden, denn er hatte ein Händchen für Pferde. Er ging als junger Mann nach Berlin und führte die Pferde der Pferdebahn. Als die Pferde nach und nach durch Elektrostraßenbahnen ersetzt wurden, war es ihm ein Leichtes als Straßenbahnfahrer zu arbeiten. Auch die Straßenbahnen wollten einfühlsam durch den Großstadtverkehr gesteuert werden. Wilhelm hatte sich dem Militär verschrieben und schlug eine Offizierslaufbahn bei der Kaiserlichen Armee ein.

Paul und Elisabeth Brunow

Auf einem Offiziersball in Bromberg lernte er Carmen von Waldow kennen. Beiden war sofort klar, dass sie die Liebe fürs Leben gefunden hatten. Carmen Betty Luise Emilie von Waldow war am 23.08.1890 in Jagenow, Bezirk Bellgard in Hinterpommern, geboren worden. Ihre Eltern Hermann Ernst Emil von Waldow (*13.10.1858 in Steinberg - † 02.08.1945 in Deutsch Krone) und Betty Maria Ferdinande von Waldow, geborene Lange, bewirtschfteten viele Gutshöfe unter anderem auch in Szczepankow. Der Stammsitz war aber in Deutsch Krone in der preußischen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen. Carmen von Waldow war weit und breit die schönste Frau und Wilhelm Brunow war ein schneidiger Offizier, der die Augen aller jungen Mädchen auf sich zog, wo immer er erschien. So wurde nach einer kurzen Verlobungszeit der Hochzeitstermin für Carmen von Waldow und Wilhelm Brunow für Freitag den 07.08.1908 im Herrenhaus Szczepankow, Kreis Sampter, in der preußischen Provinz Posen festgelegt.

Hochzeit im Herrenhaus Szczepankow 1908

Carmen hatte noch zwei jüngere Brüder Claus Ferdinand Paul Hermann und Ulrich von Waldow. Die Flitterwochen verlebten sie beide auf dem Gut und machten täglich Ausritte in die waldreiche Umgebung. Sie waren verliebt und sahen die Zukunft rosig.

Carmen von Waldow

Carmen war glücklich. Ihr Schwager, Arnold Brunow und seine Frau Anna besuchten die Familie von Waldow oft in Szczepankow und es waren überaus harmonische Tage, die alle dort verlebten. Hertha Brunow und ihre Mutter Anna Brunow schwärmten ihr ganz Leben lang von dem Glanz, den der Besuch im Gutshaus der von Waldows auf sie gemacht hatte. Tante Carmen hatte einen bleibenden Eindruck auf ihre Nichte Hertha Brunow gemacht.

Ausritt durch die Wälder

Wilhelm versah seinen Dienst in der Kaserne und es gab genug Arbeit im Gutsbetrieb der von Waldows, sodass kaum Freiraum für andere Aufgaben bestand. Es waren die schönsten Jahre im Leben des jungen Paares.

Ende 1914 musste Wilhelm Brunow als Offizier nach Kamerun gehen. Er bat seine Frau mit ihm zu kommen, aber Carmen sagte: „Ich bin dafür nicht geeignet.“ Carmen versuchte ihren Mann noch umzustimmen und versprach ihre Kontakte im Kaiserlichen Kriegsministerium zu nutzen, um eine Entsendung nach Kamerun zu verhindern. Aber ihr Mann war mit Leib und Seele Offizier. Er wollte sich darauf nicht einlassen. Seine Frau schrieb ihm nach Kamerun lange Briefe und bat ihn immer wieder zurückzukommen, aber Wilhelm blieb in Kamerun. Carmen hielt guten Kontakt zu ihrem Schwager Arnold und seiner Frau Anna in Berlin und zu den Schwiegereltern in Landin.

Carmen und Wilhelm auf einem Ausflug

Sie wollte nicht immer nur auf ihren Mann warten müssen. Als sie sich in einen andere Mann verliebte, reichte sie die Scheidung ein. Wilhelm Brunow hatte die Scheidung nach langem Hin und Her akzeptiert und heiratete ein paar Jahren später eine junge Frau aus Berlin, Margarethe Brunow, die er schon lange kannte, denn es war die Freundin seiner Nichte Hertha Brunow. 1916 kehrte er gesund aus Kamerun für immer zurück. Margarethe war verzaubert von ihrem Mann und sie fand später, das es die besten Jahre ihres Lebens waren. Margarethe und Wilhelm Brunow blieben in Berlin. Wilhelm arbeitete im Kriegsministerium, obwohl er immer Sehnsucht nach Afrika hatte. Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, war Wilhelm Brunow zunächst auf allen Kriegsschauplätzen in Europa, ging aber 1941 mit dem Großverband der deutschen Wehrmacht nach Ägypten. Dort verliert sich seine Spur. Margarethe Brunow hörte nie wieder von ihm. Er galt als verschollen.

Claus von Waldow 1917

Carmen von Waldow trauerte der Liebe ihres Lebens nicht lange nach. Sie war eine lebenlustige Frau, die immer Modellschuhe der Größe 34 des Schuhhauses „Leiser“ mit sehr hohen Absätzen trug. Sie heiratete Günther Wendt, der einen Bauernhof in Klosterdorf bei Strausberg in der Nähe von Berlin hatte und ein leidenschaftlicher Nazi und Hitlerverehrer war. Er fiel im Zweiten Weltkrieg. Carmen Wendt war ebenso fanatisch dem Naziregime zugetan und verkehrte in hohen Kreisen des Militärs. Sie brillierte bei vielen Festen als vollendete Gastgeberin und war in jeder Gesellschaft der Mittelpunkt mit ihrer Eleganz und ihrem Charme. Die von Waldows hatte sich von ihr entfernt, weil man das Nazi-Regime nicht mochte. Nach 1945 lebte sie allein in Berlin. Die Kontakte, die durch den Fanatismus für die Nazis zur Familie von Waldow erkaltet waren, belebte sie wieder. Carmen Wendt hatte aber eine bequeme Art gefunden, durch das Leben zu kommen. Sie reiste von einem Gut zum anderen, wo sie die Verwandten bat, die Kosten der Fahrkarte für die Weiterreise zu den nächsten Verwandten zu übernehmen. Sie hatte ein angenehmens Wesen und alle erinnerten sich gern an Tante Mau, wie sie von der Familie genannt wurde. Ansonsten hatte sie nur Umgang mit Generälen und Militärs in gehobenen Grad und bekam sogar 1954 beim ersten Staatsbesuch eines ausländischen Oberhauptes in der Bundesrepublik Deutschland von Kaiser Haile Selassie eine Einladung nach Adis Abeba und wohnte mehrere Wochen im Kaiserpalst in Äthopien.

Äthiopischer Kaiser Haile Selassie
(*23.07.1892 – † 27.08.1975)

Sie hatte in jungen Jahren einen Reitunfall gehabt und wurde mehrere Meter weit von ihrem Pferd auf dem Boden entlang geschleift, wobei die gesamte Kopfhaut verletzt wurde. Nach dem Reitunfall hatte sie nur noch sehr spährlichen Haarwuchs auf ihrem Kopf, sodass sie die Familie die „Pusteblume“ nannte. Sie hat nie gearbeitet, wie es damals auch üblich war. Ihr Bruder, Claus Ferdinand Paul Hermann von Waldow, war schon 1917 einer der ersten Piloten im Deutschen Reich und besuchte sie auch manchmal. Der älteste Sohn von Claus von Waldow, Hermann von Waldow hatte Ingrid Wolff geheiratet und lebte mit seiner Frau auf Fehmarn. Die Eltern der Ingrid Wolff waren vermögend und hatten einen kleinen Zeitungsverlag auf Fehmarn. Der Vater von Ingrid, Hans Wolff, war nach dem Zweiten Weltkrieg der Verleger des „Fehmarnschen Tagesblattes“. Dort bei ihrem Neffen Hermann von Waldow fand sie Unterschlupf auf Burg und wohnte in einem kleinen Zimmer. Auf Fehmarn fühlte sie sich wohl. Dort empfing sie auch ihre Nichte Hertha Brunow aus Landin, denn die Bande nach Landin waren ja nie abgerissen. Sie korrespondierte mit ihren zahlreichen Verwandten und Freunden und empfing Besucher, solange es ihr gesundheitlich möglich war.

Carmen Wendt 1959 auf Fehmarn
von links: Nichte Gudrun, Cousine Frieda Apitsch, geborenen von Waldow, Carmen Wendt, Irmgard von Waldow

Sie wollte aber nicht immer allein sein und ging in eine Seniorenresidenz auf Fehmarn. Dort klagte sie sehr darüber, dass sie nur von alten Menschen umgeben war. Nach einem Sturz, bei dem sie sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog, wurde sie bettlägerig und starb am 16.03.1987 mit über 96 Jahren an einer Lungenentzündung. Sie war alt, aber noch nicht lebensmüde. Ihr Lebensmotto war: „Denk an die guten Jahre deines Lebens“. Und dieses Motto trug sie durch alle Widrigkeiten bis zu ihrem Tode. Sie war eine Lebenskünstlerin.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.05.2022

Ich danke Dietlinde von Waldow für ihre Unterstützung.


 

Das Osterfest in Landin

Das Osterfest in Landin war immer für die Menschen etwas Besonderes. Das Erwachen der Natur aus dem Winterschlaf erfreute alle und man konnte sich doch wieder mehr draußen aufhalten. Die Kälte, der Nebel und der winterliche Regen war vorbei. Die Bauern beackerten ihren Felder und die Kühe kamen auf die Weide. Um 1930 floss auch noch das Wasser eilig durch den Buchtgraben zum Havelländischen Hauptkanal. Die Mädchen gingen dann mit einem Wasserkrug zum Buchtgraben und holten vor Sonnenaufgang etwas Wasser. Sie durften dabei mit niemanden sprechen. Wenn sie sich damit wuschen, sollten sie noch schöner werden. Wenn sie nur ein Wort bei diesem Gang sprachen war der Zauber verwirkt.

Bei der Familie von Bredow im Schloss war Ostern ein Fest, bei dem sich die ganze Familie traf und natürlich waren auch regelmäßig Verwandte zu Gast, die von den Bredows eingeladen wurden. Auf die Küchen-Mamsell und ihren Beiköchinnen kam da viel Arbeit zu, aber sie liebte das Osterfest, denn es wurde die Festtafel gedeckt, das Silberbesteck mit dem Monogramm der von Bredows geputzt und es gab ein besonderes Menu. In jeder ordentlichen preußischen Adelsfamilie wurde das Zwiebelmusterporzellan aus Meißen benutzt. Es gab große Suppenterrinen, Suppenteller, flache Teller und Frühstücksteller und Schüsseln in jeder Größe bis zu den Kompottschälchen.

Teegedeck, Meissener Porzellan

Das Porzellan fand ziemlich spät Zugang zu den Palästen der Könige und des Adels. Man speiste bei Hofe von Gold- und Silbertellern, wie wir das aus dem Märchen von Dornröschen kennen, wo der König einen goldenen Teller zu wenig hatte und die eine Fee deshalb nicht einladen konnte. Den Einzug machte das Porzellan an den Fürstenhöfen in Europa mit dem Nachtisch, der auf Porzellantellern serviert wurde und durch diese Hintertür eroberte es nach und nach die ganze Festtafel. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte eine riesige Festtafel, wo alle Speisen aufgetragen standen. Es gab zum Beispiel acht verschiedene Suppen, die auf der Tafel standen. Man aß von allen Dingen, auf die man Appetit hatte und die Diener taten den Mitgliedern der königlichen Familie und ihren Gästen auf, was sie verlangten. Der Gesandte des russischen Zaren in Paris lud natürlich auch zum Essen ein, und da gab es plötzlich eine Suppe als Vorspeise, danach eine Pastete, es folgte ein Fischgericht und so gab es bis zu 20 Gängen, die bei einer Gala in kleinen Schalen oder auf Tellern nacheinander aufgetragen wurde. Das war für den Adel in Frankreich völlig neu und man winkte verächtlich ab und nannte es „Menu à la russe.“ Aber dieses „Menu à la russe“ setzte sich doch im Laufe der Jahre durch und heute gibt es fast bei allen Staatsempfängen und Festessen ein „Menu à la russe.“

Obstschale, Meissener Porzellan

Der König von Preußen, Friederich II. wollte selbstverständlich eine eigene Porzellanmanufaktur haben und so erteilte er 1751 den Auftrag an den Kaufmann und Wollfabrikanten Wilhelm Caspar Wegely die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) zu errichten und 1763 wurde dort das erste Porzellan hergestellt. Jede adlige Familie in Preußen wurde vom König gezwungen, ein Service pro Jahr dort in Auftrag zu geben. So fand sich natürlich auch KPM-Porzellan auf den Tafeln der Bredows im Havelland.

In Landin gab es neben allerlei Ostergebäck und den bunten Eiern ein immer gleiches Menu, das nach dem Gottesdienst in der Dorfkirche Landin im Speisesaal des Schlosses serviert wurde. Zum Beginn gab es eine Kartoffelsuppe, die die Küchen-Mamsell mit kleinen knusprig gebratenen Speckscheiben und gerösteten Zwiebeln und in der Mitte ein pochiertes Ei servieren ließ. Dann folgte ein Kressesalat. Die Mamsell säte die Kresse in großen Schalen rechtzeitig aus und stellte sie auf die Fensterbänke der Küche und freute sich, dass zum Heiligen Osterfest alles geerntet werden konnte. Dann folgte das Hauptgericht mit gebratenem Lamm und Kartoffelsalat. Diesen Kartoffelsalat gab es nur zu Ostern einmal im Jahr. Sie kochte die Kartoffeln und schnitt sie in kleine viereckige Würfel. Sie machte auch eine gekochte und in Würfel geschnittene Sellerieknolle sowie kleine gekochte Möhrensplitter an den Kartoffelsalat. Die Möhren gaben dem Kartoffelsalat etwas Buntes. Aber das Geheimrezept war die Mayonnaise, die sie selbst aus Eiern, Essig, Öl, Salz, Pfeffer und Zucker herstellte. Zu Ostern gab sie etwas Safran dazu, was den Geschmack sehr verfeinerte und den ganzen Salat gelb einfärbte. Als Beilage hatte die Köchin aus dem eigenen Sauerkraut ein feines Weinsauerkraut gekocht, das sie mit dem Saft von roter Beete wenig einfärbte. Aus der Fleischbrühe vom Lamm machte sie eine Rotweinsoße mit Butter, Zwiebeln, Honig und Rosmarin. Als Nachtisch wurde Rote Grütze mit Vanillesoße gereicht, die sie in großen Schüsseln aus dem eingeweckten Beeren und Kirschen kochte und Milch war ja sowieso immer da. Der Hausherr rückte auch zum Osterfest seine besten Rotweine heraus. Alle Bewohner im Schloss freuten sich schon auf diese traditionelle Mahlzeit und lobten die Küchen-Mamsell jedes Jahr aufs Neue. Den Safran hielt sie streng unter Verschluss. Er war die teuerste Zutat zu den Speisen, die sie bereitete.

Nach dem Essen wurde ein Mokka getrunken und die Kinder machten sich zum Eiertrudeln auf zum Teufelsberg. Wer wollte, konnte auch einen Ausritt durch die Wälder und Waldwege wagen. Die Stallburschen standen am Ostersonntag bereit für die Gastgeber und ihre Besucher. Am Ostermontag hatten sie nach dem Mittagessen frei. Die Alten machten auch ein Mittagsschläfchen, aber zum Tee um 17:00 Uhr fanden sich alle wieder ein und probierten den Kuchen, den Mamsell zum Osterfest gebacken hatte. Dann wurden Spiele gemacht und auch Karten gespielt bis das Fest mit einem Abendessen ausklang.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.04.2022


 

Der Wadenbeißer von Landin

Ferdinand Rabe war ein Bauer von Landin, der als vermögend galt. Sein schöner Hof lag 1885 im Zentrum des Dorfes. Er hatte sieben Söhne. Als die Söhne herangewachsen waren, rief der Vater sie zu sich und präsentierte ihnen ein Bündel mit sieben Holzstöcken, die er fest verschnürt hatte. Er forderte seine erwachsenen Söhne auf, das Bündel zu durchbrechen. Keiner schaffte es. Da sagte der Vater: „Es ist ganz einfach.“ Er schnürte das Bündel auf und zerbrach jeden Stab einzeln. „Wenn ihr zusammenhaltet, seid ihr stark,“ so sagte der Vater. Aber die Hoffnung des Vaters, dass alle Kinder in Landin bleiben sollten, ging nicht auf. Bis auf den ältesten Sohn, der den Hof erbte, heirateten alle Frauen aus anderen Dörfern und zogen fort. Ferdinand Rabes Frau Else war vorgealtert und wankte unsicher hin und her. Wenn sie mit dem Fahrrad durch das Dorf fuhr, rief sie schon von weitem: “Platz! Platz!“ Sie war sehr dünn und immer in schwarz gekleidet und die Menschen riefen: „Jetzt kommt Gevatter Tod,“ wenn sie durch das Dorf radelte.

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Ferdinand Rabe war ein ängstlicher und vorsichtiger Mann und hatte einen scharfen Hund angeschafft, der die Menschen schon im halben Dorf gebissen hatte. Es kam ja kaum ein Dieb nach Landin, aber der Reichtum, den Ferdinand Rabe angesammelt hatte, machte ihn misstrauisch gegen alle anderen. Ferdinand Rabe lobte seinen Hund, wenn er jemand gebissen hatte und freute sich sehr darüber, dass er einen so wachsamen Hausgenossen bei sich hatte. Wenn er von seinem Hund Arko sprach, leuchteten seine Augen. Als der Postbote eines Tages einen Brief zu überbringen hatte, kam Arko mit fletschenden Zähnen angerannt und wollte ihn beißen, aber der königliche Postbote Otto Seiffert war kein Mensch, der sich schnell in die Flucht schlagen ließ. Er ergriff eine Forke, die auf dem Hof stand und versuchte den Hund damit abzuwehren. Aber Arko war ein mutiges Tier und ließ sich durch die Forke nicht einschüchtern. Er lief um den königlichen Postboten herum und versuchte immer wieder, ihn zu beißen. Da stach Otto Seiffert so fest zu wie er konnte und tötete den Hund.

Ferdinand Rabe war erbost und sehr aufgebracht. Er zeigte den Postboten an und verlangte Schadenersatz. Der treue Wächter seines Hauses stellte für ihn einen hohen Wert dar. Er verlangte für den Hund 50,00 Goldmark (891,00 €) vom Postboten Otto Seiffert. Der Postbote weigerte sich, die Summe zu bezahlen und so landete der Fall vor dem Königlichen Amtsgericht in Rathenow, wo Postbote und Bauer nun gehört wurden. Den Vorsitz im Amtsgericht führte der Richter Wedigo von Amselbach und war von der Darstellung des Bauern Ferdinand Rabe sehr angetan. Ein wachsamer Hofhund war auch für ihn eine Sache von unschätzbarem Wert. Der Königliche Amtsrichter war mit Hunden aufgewachsen und wollte gern dem Bauern helfen. So fragte er den Postboten: “Warum haben Sie denn den Hund nicht mit dem Forkenstiel abgewehrt? Das wäre doch ausreichend gewesen.“ „Ja,“ sagte Otto Seifert, „Herr Amtsrichter, ich hätte das schon mit dem Forkenstiel getan, wenn der Hund mich mit dem Schwanz angegriffen hätte, aber die Bestie benutzte ihre Zähne.“ Wedigo von Amselbach schmunzelte über diese Antwort und erkannte für Recht, dass der Postbote keinen Schadenersatz zu zahlen hätte, weil Leib und Leben akut bedroht worden seien.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.03.2022


 

Dorothea Wiedmaier findet eine neue Heimat in Landin

Dorothea Bossert (links) mit ihrer Schwester Lydia 1929 in Strassburg (Bessarabien)

Dorothea Bossert wurde am 12.04.1889 in Strassburg in Bessarabien geboren. Bessarabien liegt zwischen zwei Flüssen, Brut und Dnjestr, am nordwestlichen Ufer des Schwarzen Meeres. Strassburg lag 15 km südöstlich von der Stadt Akkerman an dem Flüsschen Alkalia, das 30 km südlich von Strassburg ins Schwarze Meer mündete. Der Vater, Jakob Bossert, hatte eine Tischlerei und die Mutter, Dorothea Bossert, geborene Treichel, war Hausfrau. Dorothea und Jakob Bossert hatte elf Kinder und wohnte in einem mit Schilf gedeckten Haus. Als ihr Vater starb, wurde er vor dem Haus in einen Sarg offen aufgebahrt. Alle Mitglieder der Familie versammelten sich um den Sarg vor dem Haus.

Großvater Jakob Bossert vor dem Wohnhaus der Familie Bossert in Strassburg (Bessarabien)

Die Tochter Dorothea Bossert heiratete in Strassburg den Tischler Johann Wiedmaier. Dem Ehepaar wurden elf Kinder geschenkt. Fünf Kinder starben aber schon früh an Kinderkrankheiten und anderen Infektionen. Die sechs überlebenden Kinder waren:

  1.  Anna Maier, geboren Wiedmaier (*29.11.1919 - † 29.04.2020)
  2.  Arthur Wiedmaier (*04.04.1922 – †21.02.2017)
  3.  Friedrich Wiedmaier (*09.09.1924 – †16.12.2016)
  4.  Hugo Wiedmaier (*05.01.1928 – † 05.08.2010)
  5.  Leonide Wellhausen, geborene Wiedmaier (*06.04.1930 – †13.02.1999)
  6.  Pauline Reschke, geborene Wiedmaier (*19.05.1935 – †14.07.2019)

Bessarabien gehörte bis 1940 zu Rumänien

Der Landstrich Bessarabien hat seinen Namen vom Walachischen Fürstenhaus Besarab. Nach dem Aussterben des ungarischen Herrschergeschlechts der Árpáden nutze 1301 der Fürst Besarab I. die Chance ein eigenes Fürstentum, die Walachai (Rumänien), zu gründen, das von den Südkarpaten bis zum Schwarzen Meer reichte. Bessarabien war immer ein Zankapfel zwischen Russland, Österreich und der Türkei. 1812 trat das Fürstentum Moldau Bessarabien an Russland ab und nun gehörte das Gebiet als Gouvernement Bessarabien zum Russischen Zarenreich. Zar Alexander I. von Russland holte 1813 deutsche Kolonisten ins Land, die als selbstständige Landwirte auf eigenem Land leben durften und große Privilegien erhielten. 9000 eingewanderte Personen wohnten in 24 Kolonien. Die Kolonien wuchsen in den folgenden Jahren auf 150 Orte mit 93000 Menschen an. Die Hauptstadt von Bessarabien ist Kischinew. Die meisten Deutschen lebten um die Stadt Akkerman herum. Dorothea Wiedmaiers Vorfahren kamen als Einwanderer aus Schwaben nach Bessarabien. Als deutsche Kolonisten haben sie trotz großer Mühsal und Entbehrungen das Land urbar gemacht und gemeinsam mit den anderen Einwanderern im Laufe der Zeit die Kultur dort geprägt. Die Familien hatten viele Kinder und führten ein einfaches, naturverbundenes und religiöses Leben. Strassburg war ein größeres Dorf. Hier gab es sogar eine Schule. Die Kinder gingen am Vormittag zur Schule und am Nachmittag mussten sie den Eltern in der Landwirtschaft helfen. Jede Hand wurde gebraucht. Ob Sommer oder Winter, es gab immer Arbeit in Hof, Stall, Garten oder auf dem Feld. Abends fielen sie todmüde ins Bett, selbst an den üblichen Gute-Nacht-Geschichten fand niemand mehr Interesse. Im Herbst begann die Weinlese, das Einmachen von Früchten, das Mosten und das Marmelade kochen. Im Winter dagegen blieb mehr Zeit für die Familie und besonders für die Kinder, es wurden Feste gefeiert und ein reges Vereinsleben gepflegt. Die vielen verschiedenen Familien lebten einträchtig miteinander und prägten auch die Sitten und Gebräuche der deutschen Siedler, die von 1814 bis 1940 Bessarabien als ihre Heimat annahmen. An den langen Winterabenden wurde viel gesungen, die Frauen und Mädchen schwatzten beim Handarbeiten, die Jungen tobten oder würfelten. Immer stand heißer Tee bereit und aus der Ofenröhre dufteten warmgehaltene Speisen. Die Kinder sehnten die Weihnachtszeit herbei und freuten sich auf das Christkind. Die Eltern und Großeltern und die größeren Kinder hatten mit den Vorbereitungen für das Festmahl der Großfamilie und den geladenen Gästen zu tun. Es wurde eine Gans und wenn möglich ein Schwein geschlachtet, Wurst gemacht, Speck und Schinken in den Rauch gehängt und Fleisch gepökelt. Auch die Weihnachtsbäckerei kam nicht zu kurz. Dorothea Wiedmaier konnte ausgezeichnet backen. Noch viele Jahre später hat sie ihren Enkelkindern „Ausstecherla, Pfeffernüßla, Lebküchla, Duchgdrehte“ •gebacken und die köstlichsten Bonbons der Welt zubereitet. Die Enkelkinder durften die Karamelmilch rühren und beim Schneiden der gehärteten Zuckermasse helfen. Früher, so erzählte sie, wurden die „Zuckerla“ eingewickelt und bis Weihnachten in der guten Stube neben anderem Naschwerk und den Plätzchen aufbewahrt, um dann alles auf dem bunten Teller zu verteilen. Diese seltenen Süßigkeiten bereiteten den Kindern die größte Freude, bisweilen fanden sich unter dem Christbaum auch kleine Geschenke, Selbstgestricktes, Holzspielzeug oder eine Stoffpuppe. 1918 wurde Bessarabien kurzzeitig unabhängig, danach gehörte es zu Rumänien.

Gutschki Polen 1944

Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 sprach aber Bessarabien wieder der Sowjetunion zu und enthielt eine Klausel, dass alle Deutschen das Land zu verlassen hätten. So wurden ab 1940 die deutschstämmigen Bessarabier von den Nazis nach Polen umgesiedelt. So kamen Johann und Dorothea Wiedmaier nach Gutschki Kreis Warthbrücken im „Reichsgau“ Wartheland in Polen. Johann Wiedmaier erkannte die verbrecherische Absicht des Naziregimes sofort und meinte: „Wir sind für die Nazis Kanonenfutter.“ Ihren Weg nach Polen begleiteten Hunger, Krankheit und Tod. Viele Familien wurden auseinandergerissen. Nicht jeder überlebte diese Strapazen. Und es stand allen ein schwerer Neuanfang bevor.

Dorothea und Johann Wiedmaier

1945 musste die Familie ihren neuen Wohnort wieder verlassen und kam über Rhinow nach Landin. Dorothea Wiedmaier und ihr Mann Johann Wiedmaier wohnten mit ihren Kindern in ärmlichsten Verhältnissen im Wohnhaus für die Gutsarbeiter in Landin. Es ging in dieser Zeit um das Überleben. Als im September 1945 im Land Brandenburg die Bodenreform durchgeführt wurde, erhielten auch Johann und Dorothea Wiedmaier Land und die Gelegenheit ein Siedlungshaus in Landin in der Steinstr. 3 zu bauen. Direkt am Haus wurde der Stall angebaut, wie man das aus Bessarabien kannte. Aber für die Familie Wiedmaier war das auch Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie hatten wieder ein Ziel vor den Augen.

Dorothea Wiedmaier vor dem neu errichteten Haus - Landin, Steinstr. 3

Dorothea und Johann Wiedmaier musste zwar hart arbeiten, denn es war nicht leicht die achtköpfige Familie durchzubringen. Aber sie waren es gewöhnt, von früh bis spät auf den Beinen zu sein und die Kinder mussten im Stall und auf den Feldern und Wiesen immer mitarbeiten, das kannte man gar nicht anders. Die Kinder gingen natürlich in die Dorfschule und lernten tüchtig, was man so auf einer Dorfschule lernen kann.

So nach und nach verließen die Kinder das Haus. Leonide ging nach der Schule als Haushaltshilfe nach Nordrheinwestfalen und verliebte sich in einen jungen Mann. Seine Eltern wollten diese Verbindung nicht. Als sie schwanger wurde, trennte die Eltern ihren Sohn sofort von Leonide und schickten ihn weit fort, sodass Leonide nach Landin zurückkehrte und 09.09.1949 in Friesack ihre Tochter Renate zur Welt brachte. Die Großeltern Dorothea und Johann Wiedmaier freuten sich über die Enkelin und zogen sie mit viel Liebe auf. Ihr Motto war: Alle Kinder, wie sie kommen, sind willkommen. Und so konnte Leonide Wiedmaier ohne Sorge ihre Ausbildung als Kindergärtnerin in Schmalkalden absolvieren und kam nur an den Wochenenden nach Hause.

Kindergartenausbildung in Schmalkalden, Leonide Wiedmaier 1. Reihe 3. von links

Bei einem Familientreffen lernte Leonide Wiedmaier 1952 ihren zukünftigen Ehemann kennen. Die Familie lebte von 1956 -1961 in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge.

Als Johann Wiedmaier am 21.11.1957 an Krebs starb, war seine Frau Dorothea schon im Rentenalter und beschloss zu ihrer Tochter Leonide nach Johanngeorgenstadt zu gehen. Die anderen Kinder Anna, Pauline, Fritz und Hugo gingen 1957 in den Westen. Ihr Sohn Arthur Wiedmaier lebte mit seiner Frau Christel noch bis 1960 in Landin in dem Siedlungshaus. Christel Wiedmaier war auch zeitweise Bürgermeisterin von Landin.

Siedlungshaus von Dorothea und Johann Wiedmaier 2021

Mit dem Umzug Leonides und deren Familie 1961 nach Berlin wurde auch Dorothea Wiedmaier Berlinerin. Sie fühlte sich ihrem Landin etwas näher und genoss die Ausflüge dorthin. Dorothea Wiedmaier beaufsichtigte, umsorgte und bekochte die Enkelkinder, während die berufstätigen Eltern außer Haus waren. Sie war schon über 70 Jahre alt, als sie nach Berlin kam und übernahm doch einen Großteil des Haushalts. Sie wurde die Chefin in der Küche. Während ihre Tochter arbeitete, verwöhnte sie die Enkelkinder täglich nach der Schule mit feinen, außergewöhnlichen Gerichten, die auch den Schulfreunden sehr mundeten und schon wegen ihrer Fremdartigkeit ihren besonderen Reiz für alle hatten. Ein herrlicher Duft empfing die Kinder, wenn sie die Wohnung betraten. Dorothea Wiedmaier erwartete die Enkel schon. Sie hatte ihre Schürze umgebunden und ein Geschirrtuch in den Händen und rief: „Schnell, schnell, damit das Essen nicht wird kalt“. Es gab Knöpfle und Kartoffelschnitz und andere köstliche Sachen.

Dorothea Wiedmaier mit Enkeln in Berlin 1963

Noch heute läuft den Enkeln das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an die Gerichte der Großmutter denken oder selbst zubereiten. Dorothea Wiedmaier hatte im Alter schlohweißes Haar, glatt zurückgestrichen und zu einem winzigen Dutt zusammengesteckt; hellbraune, offene Augen, ein liebevolles und gütiges Gesicht, das immer zartrosa leuchtete. Sie war eine kleine, lebhafte und freundliche Frau, in deren Nähe man sich einfach wohlfühlte. Das Leben hatte sie durch halb Europa nun nach Berlin geführt und ihr einen Schatz an Erfahrung und Lebensweisheit mitgegeben, den sie manchmal auch für ihre Enkelkinder öffnete.

Weil ihre Schwester Wilhelmine in einem Altenheim in der Schönhauser Allee lebte, ging sie 1972 gleichfalls dorthin. Sie bekam zwar reichlich Besuch, aber es war doch nicht die Familie, in der sie sich immer geborgen gefühlt hatte. So nahm sie 1973 das Angebot ihrer Tochter Anna Maier, geborenen Wiedmaier, an und zog zu ihr nach Vaihingen an der Enz in Baden-Württemberg. Am 27.08.1979 starb sie dort ganz ruhig im Schlaf mit 90 Jahren. So hatte sie sich das immer gewünscht. Sie hatte sich in Landin sehr wohl gefühlt. Durch ihre Herzlichkeit hatte sie bald enge Freundschaftsbande zu Ida Schill geknüpft. Zwölf aufregende Jahre durfte sie dort mit ihrem Mann Johann leben und einen Neuanfang nach dem furchtbaren Krieg wagen. Das war schön und für Dorothea Wiedmaier war es ein neues Glück in ihrem arbeitsreichen Leben.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.02.2022


 

Die Pest in Landin

Nachtwächter Franz Mewes

1670 gab es in Landin einen großen Streit um ein gutes Stück Ackerland, was einem Bauern Konrad Suhrbier in Kriele gehörte. Der Gutsherr von Landin hätte dem Bauern gern das Land abgekauft, aber der weigerte sich hartnäckig. Das viele Geld lockte ihn nicht, denn er war reich genug und wollte den guten Boden nicht aufgeben. Auch Strohmänner, die im Auftrag des Gutsherrn dem Bauern Unsummen boten, konnten Konrad Suhrbier nicht umstimmen. Das Land war nicht ganz eindeutig in den Besitz des Konrad Suhrbiers gekommen. Seine Frau Rosamunde hatte den wertvollen Acker mit in die Ehe gebracht und meinte dazu, dass die Besitzverhältnisse, so berichtete ihr der Vater, nicht ganz geklärt wären, weil eine Schwester und ihre Nachkommen auch ein Anrecht darauf hätten. Die Schwester hatte aber früh den armen Bauern Otto Barenthin aus Landin geheiratet und hätte aus Kostengründen es sich nie leisten können, ihr Erbrecht durchzusetzen. Ganz klar waren aber die Besitzverhältnisse nie gewesen. Der Vater hatte den Hof doch endlich an den ältesten Sohn gegeben, auch wenn er ihr immer Versprechungen gemacht hatte. Aber man tat das als Gefasel ab.
Nachdem die Gutsherrschaft auf ihren vielen Kaufwegen immer gescheitert war, wurde der Acker noch begehrlicher. Endlich boten sie dem armen Bauern Otto Barenthin viele Goldmünzen, wenn er ihnen den Acker verschaffen könnte. Otto Barenthin erhob also eine Klage beim Königlichen Amtsgericht in Rathenow und forderte den Acker für sich ein, da der Vater seiner Frau ihn ihr zugesagt hatte. Der Prozess zog sich über viele Jahre hin und konnte nicht zu einer eindeutigen Klärung führen. Da schwor Otto Barenthin einen Eid, dass der Acker ihm gehöre und das Gericht entschied zugunsten des Meineidigen. Der hatte daraufhin nichts Eiligeres zu tun, als den Acker an den Gutsherrn von Landin zu verkaufen. Der Gutsherr von Landin freute sich sehr und belohnte den Bauern fürstlich.

Otto Barenthin wurde aber seines Lebens nicht mehr froh. Das schlechte Gewissen plagte ihn Tag und Nacht. Schließlich bekam er eine entsetzliche Krankheit, die seinen ganzen Körper mit Geschwüren übersäte und er große Schmerzen ertragen musste. Als man ihn auf dem Kirchhof in Landin begraben hatte, fand seine Seele keine Ruhe. In dunklen stürmischen Nächten erschien seine Gestalt den Bewohnern von Landin und schrie und jammerte so sehr, dass sich alle Menschen furchtbar erschraken.
Der Nachtwächter Franz Mewes ging jede Nacht durch Landin und schaute nach Ordnung und Ruhe. Besonders wichtig war es für ihn, dass alle Lichter gelöscht wurden und kein Brand entstehen konnte. Für den Brandfall hatte er einen Kirchenschlüssel und konnte so die Glocke läuten, die die Bauern zum Löschen des Feuers herbeiholen sollte. Er hatte immer einen Kirchenschlüssel bei sich, denn er versah auch das Amt des Küsters in der Kirche. Als Franz Mewes in einer stürmischen Herbstnacht wieder seine Runde machte, war es ihm so, als würde er verfolgt.

Dorfkirche Landin

Der Geist von Otto Barenthin

Aber immer, wenn er sich umdrehte, konnte er niemand erkennen. Er hatte zwar eine Laterne bei sich, aber die leuchtete nur ein paar Meter im Umkreis. Schließlich hörte er eine Stimme, die rief: „Küster, schließ mir die Kirche auf!“ Zuerst tat er so, als hätte er nichts gehört, obwohl es ihn etwas gruselte. Aber als die Stimme immer wieder bat: „Küster schließ mir die Kirche auf,“ fasste er sich ein Herz und ging zur Kirche und schloss die Kirchentür auf. Er spürte auch, dass eine Gestalt in die Kirche schlüpfte, aber richtig sehen konnte er nichts. Dann hörte er wieder die Stimme aus der Kirche: „Du hast mich erlöst. Ich will Dir zum Dank sagen, dass die Pest nach Landin kommen wird, aber Du und Deine Familie werden nicht sterben.“ Franz Mewes war kein schreckhafter Mensch, aber ganz geheuer war es ihm nicht. Er schloss die Kirchentür wieder zu und ging sofort nach Hause, wo er alles seiner Frau erzählte. Die meinte, das war der Geist von Otto Barenthin. Also war der Eid doch nicht richtig. Seitdem hat niemand mehr in Landin den Spuk wieder gesehen.

Als 1708-1711 eine Pestepidemie über Preußen kam, erließ der preußische König Friedrich I. am 14.11.1709 ein Gesetz, um die Pest zu bekämpfen. Die Wirtshäuser wurden geschlossen, das Tanzen untersagt und jeglicher Aufenthalt an Stätten der Unzucht verboten. Die Menschen wurden angehalten, in die Kirche zu gehen, der Predigt zu lauschen und Buße zu tun. Es wurden Reisebeschränkungen erlassen, wobei besonders streng darauf geachtet wurde, dass keine handelnden Juden von Ort zu Ort zogen. Die Juden wurden nicht direkt für die Pest verantwortlich gemacht, aber nach alter Tradition suchte man nach Sündenböcken. Erst einhundert Jahre später entdeckte man ein Bakterium, das die Pest verursachte und die Übertragungswege durch die Ratten und den Rattenfloh. Trotz der königlichen Anordnungen kam die Pest auch nach Landin. Das Dorf wurde fast entvölkert. Der Küster Franz Mewes musste fast täglich die Totenglocke läuten. Jedes Mal, wenn jemand im Dorf starb, wurde die Glocke geläutet. Manchmal läutete er die Glocke drei bis viermal am Tag. Der Küster Franz Mewes begrub viele Menschen, erkrankte aber selbst nicht, wie es ihm der Geist von Otto Barenthin vorausgesagt hatte. Seine Frau und all seine Kinder blieben auf wundersame Weise von der Seuche verschont.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.01.2022


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