Förderverein zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e.V.

Geschichten aus Landin

Hier werden nach und nach Anekdoten aus dem Dorfleben, Geschichten aus früheren Tagen und Erlebnisberichte von Bewohnern und Freunden von Landin veröffentlicht.

Wenn Sie eine eigene Geschichte beisteuern wollen, melden Sie sich bitte beim Förderverein. Wir freuen uns über neue Beiträge!


 

Die Jubiläumsfeier eines Straßenbahnführers

Arnold Brunow

Deutsches Kaiserhaus

Arnold Emil Gustav Brunow war Straßenbahnführer in Berlin und arbeitete gern in der kaiserlichen Residenz Deutschlands. Seine Frau, Anna Pauline Luise Brunow, war die Tochter des Gastwirtes Ferdinand Muchow in Landin. Die kleine Familie wohnte in der Holzmarktstraße 10 in der Nähe des Alexanderplatzes in Berlin. Die Straßenbahnen waren das wichtigste Verkehrsmittel in Berlin. Arnold Brunow kannte noch die Pferdebahn, die vom Brandenburger Tor nach Charlottenburg fuhr. Die Berliner, spottlustig wie immer, sangen dazu. „Jetzt fahr´n wa so jemütlich uff de Ferdebahn. Det eene Ferd det zieht nich, det andere det is lahm. Der Kutscher is besoffen, die Ferde woll´n nich jehn. Alle fünf Minuten bleibt die Kutsche stehn.“ 1881 wurde dann die erste elektrische Straßenbahn in Berlin eröffnet und das elektrische Netz kontinuierlich ausgebaut. Die Berliner nannten die Straßenbahn kurz „Die Elektrische.“ Arnold Brunow fuhr kreuz und quer durch Berlin und kutschierte seine Fahrgäste zu allen Zielen, die die Straßenbahn ansteuerte. Besonders stolz war er darauf, dass auch die Kaiserliche Familie einmal eine Jubiläumsfahrt mit seiner Straßenbahn machte.

Arnold Brunow war ein sehr zuverlässiger Straßenbahnführer und am 15.7.1905 hatte ihm sein Betrieb eine vergoldete Uhr geschenkt, auf deren Rückseite folgende Worte eingraviert waren: Anerkennung mehrjähriger Dienstzeit für den Fahrer Arnold Brunow Berlin 15.7.1905 Grosse Berliner Strassenbahn. Er war natürlich stolz auf diese Auszeichnung und fuhr nun noch pünktlicher ab, denn die Uhr ging sehr genau. Er hatte sie auch immer bei sich und legte sie nur ab, wenn er in sein Nachtgewand schlüpfte.

Vergoldete Taschenuhr

Das Präsent des Straßenbahnunternehmens

Prinz Eitel Friedrich von Preussen mit seiner Braut

Für die Ausgezeichneten gab es einen Empfang durch den Betrieb mit einem Festdiner. Die Ehefrauen waren auch dazu eingeladen worden. Man hatte sich prächtig herausgeputzt zu diesem Empfang und allen Schmuck angelegt, den man besaß. Die Feier war auch deswegen in bleibender Erinnerung bei der Familie, weil die Auszeichnung Seine Königliche Hoheit Prinz Eitel Friedrich von Preussen und seine Braut Sophie Charlotte von Oldenburg vornahmen, deren Heirat 1906 anstand. Der Prinz überreicht persönlich die Taschenuhr an Arnold Brunow.

Berlin hatte damals schon den Glanz einer Metropole, denn das Kaiserhaus brachte Paraden und Glamour in die Stadt. Auch gab es alle Nase lang fürstlichen Besuch aus ganz Deutschland und den Monarchien Europas. Als seine kleine Tochter Hertha geboren wurde, versäumte die Familie keine Parade des Kaisers und Hertha wurde hochgehoben, damit sie den Kaiser gut sehen konnte. Das hinderte den Straßenbahnführer und seine Frau aber nicht daran, so oft es ging, nach Landin zu kommen. Es war doch die Heimat geblieben. Wo die Schwiegereltern und die Geschwister seiner Frau wohnten, war eben auch der Mittelpunkt der kleinen Familie. Neben der Auszeichnung durch den Berliner Straßenbahnbetrieb gab es eine kleine Nachfeier im Familienkreis in Landin, wo die einjährige Tochter Hertha zur Freude des Großvaters Ferdinand auch dabei war.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.08.2018


 

Eine Taufe in Landin

Die Tochter des Straßenbahnführers Arnold Emil Gustav Brunow und seiner Frau Anna Pauline Luise Brunow, geborene Muchow, Hertha Victoria Elisabeth Brunow wurde am 03.01.1904 in Berlin geboren. Der Großvater Ferdinand Muchow aus Landin war sehr erfreut über seine erste Enkeltochter und vereinbarte mit den Eltern, dass das Kind in Landin getauft werden sollte. So kam es, dass der Pfarrer Jacobi am 17.07.1904 das Sakrament der heiligen Taufe in der Landiner Dorfkirche dem kleinen Mädchen spendete. Als Paten oder Taufzeugen waren Hermann Lübge, Paul Brunow, Elisabeth Brunow und Betty Muchow dabei. Die kleine Hertha ließ die Wassertaufe ohne erkennbare Zeichen der Anteilnahme über sich ergehen. Sie schlief die ganze Zeit auf dem Arm ihrer Mutter. Es war ein herrlicher Sommertag an diesem Sonntag und der Sommerwind wehte dazu kräftig, sodass alle Damen ihre Hüte festhalten mussten, als es von der Kirche in die Gaststätte Ferdinand Muchow zum Feiern ging. Betty Muchow war schon vorgelaufen mit dem Kinderwagen, denn es hieß, je schneller der Täufling zu Haus ist, desto fixer würde ihm später alles von der Hand gehen. Sie hatte auch zwei Stecknadeln in den Kinderwagen gesteckt. Das sollte schützen vor bösen Blicken. Hertha ließ sich aber durch nichts aus der Ruhe bringen. Sie trank die Brüste ihrer Mutter nach der Taufe fast leer und schlief dann weiter, ohne die Taufgesellschaft im Geringsten zu beachten. Die Männer hatten sich vor der Gaststätte niedergelassen und tranken erst einmal ein Glas Bier, denn es war sehr warm an diesem Tag. In der Gaststube wurde das Mittag vorbereitet. Der stolze Vater hielt vor dem Mittagessen eine kleine Rede und bedankte sich für die vielen Geschenke. Es waren selbst gestrickte und genähte Kleider für das Baby und viele Sachen zum Anziehen und auch etwas Geld dabei. Dann sprach der Pfarrer Jacobi ein sehr langes Tischgebet, ehe er mit seiner Frau Christlinde die Suppe löffelte:

Speis` uns Vater deine Kinder!
Tröste die betrübten Sünder!
Sprich den Segen zu den Gaben,
die wir hier so vor uns haben,
dass sie uns in unserm Leben
Stärke, Kraft und Nahrung geben,
bis wir endlich mit den Frommen
zu der Himmelsmahlzeit kommen.
Komm Herr Jesu, sei unser Gast
und segne, was du uns in Gnaden bescheret hast.

Der Vater hatte eine Kiste französischen Champagner mitgebracht und trank auch ein Glas nach dem anderen, sodass er am Ende der Feier ins Bett getragen werden musste. Zum Mittag gab es eine Spinatsuppe mit ein paar Stücken Ananas und einen Tupfer saure Sahne. Danach hatten die Frauen eine Fischpastete bereitet. Der Hauptgang bestand aus Rehbraten in Rotweinsoße mit einem kleinen Löffel schwarzen Johannisbeermarmelade und Kartoffeln. Dazu gab es in Butter geschwenkte Möhrenscheiben und Rotkohl. Als Nachtisch hatten die Frauen Apfelkompott und einen Mokka vorbereitet. Der Pfarrer und seine Frau Christlinde bedankten sich für das Mittagessen und verabschiedeten sich bald. Sie hatten natürlich auch tüchtig vom Champagner probiert, den es ja nicht alle Tage gab. Nach dem Mittag fuhr Betty Muchow ihre Nichte stolz mit dem Kinderwagen durch das Dorf, bis das Kind ausgeschlafen hatte und wieder gestillt werden musste. Am Nachmittag gab es einen riesigen Napfkuchen und zum Abendessen Brote mit Schlackwurst, Leberwurst und Schinken sowie sauren Gurken. Die meisten Gäste tranken Bier, aber viele wollten auch den Champagner probieren. Die kleine Taufgesellschaft wurde immer ausgelassener, bis die Kindsmutter doch die Feier mit dem Hinweis auf die Ruhe für das Kind langsam auflöste. Aber alle sprachen noch wochenlang von der schönen Feier bei der Taufe der kleinen Hertha. Der Champagner hatte seine Wirkung nicht verfehlt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.07.2018


 

Im Heu

Hedwig und Max Muchow fahren vom Hof (1937)

Wenn im Juni das Heuen begann, war im Dorf alles auf den Beinen. Das schöne Wetter musste ausgenutzt werden und alle jungen und alten Männer mähten mit den Sensen auf den Wiesen das frische Gras. Ist der Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun´ und Fass, heißt eine alte Bauerregel und dieser Mai in Landin war nass und regnerisch gewesen. Dazu war er angenehm warm, „Wasswäder“, sagte die alte Elise Mewes, denn bei diesem Wetter wuchs und sprosste es, dass man zusehen konnte. Natürlich auch das Unkraut, aber Alice von Bredow tröstete die Leute und meinte: „Wo Unkraut wächst, wächst auch was anderes.“ Und so war es ja auch wirklich. Die Kartoffeln und Rüben gediehen natürlich ebenso gut in solchen nassen und warmen Maitagen. Aber kaum war es Juni im Jahr 1937 geworden, brach eine Hitzewelle aus, die seinesgleichen suchte. Die Menschen und das Vieh stöhnten unter der Wärme. Schwad für Schwad wurde das Gras von den Männern gemäht und lag am Ende des Monats in langen Reihen auf den Wiesen. Die Männer mähten am liebsten am frühen Morgen, wenn es noch nicht so warm war und der Tau noch auf den Wiesen lag. Alle paar Meter wurde Halt gemacht und die gedengelten Sensen mit einem Wetzstein geschärft. Sie hatten alle eine Mütze oder einen Filzhut auf, damit der Schweiß nicht in die Augen lief und Gespräche waren nur in den Pausen möglich. Wenn das Gras gemäht war, kam die Arbeit der Frauen, bei denen ihnen aber auch alle Männer halfen. Das Gras musste alle paar Tage gewendet werden, bis es die Sonne in duftendes Heu verwandelt hatte. Hauptgespräch in der Heumahd war das Wetter. Ob es denn hielt und kein Regen kam? Die Frauen und Männer arbeiteten beim Heuwenden immer zusammen und konnten so viel erzählen. Meist zog sich das Wenden bis in den August hinein hin. Die Frauen hatten weiße kunstvoll gefaltete Hüte auf dem Kopf, um sich vor der Sonne zu schützen, denn es war für alle eine schweißtreibende Arbeit. Manche hatte auch in der Schule Gedichte gelernt und probierten aus, ob noch alle Verse im Kopf waren.

Im Heu
von Johannes Trojan

(*14.08.1837 in Danzig – † 21.11.1915 in Rostock)

O wie schön ist es im Heu!
Lieblich ist der Duft,
und die Lerche singt dabei
hoch aus blauer Luft.

Und das Grillchen hört man auch,
das die Zither schlägt
unterm wilden Rosenstrauch,
den der Wind bewegt.

Warme Luft und Sonnenschein,
o wie ich mich freu!
Sagt, wo kann es schöner sein,
schöner als im Heu?

Max stakt das Heu auf den Leiterwagen, wo seine Frau Hedwig es genau einpackt

Wenn das Heu dann wirklich fertig war, mussten alle Mitglieder der Familie mithelfen, es in die Scheunen zu bringen. Es war ein trockener schöner Tag, da fuhr Max Muchow mit seiner Frau Hedwig mit dem Leiterwagen vom Hof. Auf der Wiese gab er seiner Frau auf dem Wagen große Forken voll Heu, die sie kunstvoll auf dem Wagen packte. Es durfte ja unterwegs nichts verloren gehen.

Die Wiesen waren auf der anderen Straßenseite und die voll bepackte Heufuhre musste durch Sandwege mit engem Baumbestand durchmanöveriert werden. Hedwig Muchow verstand die Kunst des Heustapelns am besten und blieb meistens auf der Fuhre oben sitzen, während ihr Mann Max unten auf dem Leiterwagen saß und die Pferde nach Haus führte. Einmal war die Heufuhre so hoch bepackt worden, dass ein starker Ast einer alten Eiche Hedwig Muchow einfach vom Wagen fegte. Sie war so erschrocken, dass sie keinen Ton herausbrachte, sich aber krampfhaft an dem dicken Ast festhielt, während der Wagen weiterfuhr. Max hatte nichts davon bemerkt und fuhr seelenruhig nach Hause. Erst da fiel ihm auf, dass seine Frau nicht antwortete. Er holte eine Holzleiter und kletterte auf den Wagen, aber seine Frau blieb verschwunden. Er rief das ganze Haus zusammen, aber niemand hatte dafür eine Erklärung.

Hedwig und Max Muchow auf der Heufuhre

Hedwig war noch jung und hatte sich behände auf den Ast geschwungen und war in den Baumstamm geklettert, wo sie nach ängstlichen Versuchen auch glücklich wieder auf dem Erdboden ankam. Sie kam mit 20 Minuten Verspätung zu Hause an und es gab keinen glücklicheren Mann als Max, der seine Frau sofort in die Arme nahm und sich die ganze Geschichte erzählen ließ. Dann halfen alle mit, das Heu vom Wagen in die Scheune zu bringen und dort erneut kunstvoll zu stapeln. Es duftete der ganze Heuboden nach Sommer, Sonne und dem frischen Heu. Die Kühe und Pferde konnten so gut im Winter versorgt werden. Es gab ja noch andere Futtermittel im Winter, aber Heu war doch das Beste und dann noch von den eignen Wiesen. Es hingen ja auch so viele Handgriffe an dem wunderbaren Heu, was eine enge Bindung an die Dorfwiesen bedeutete.

 
© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.06.2018


 

Totgesagte leben länger

Max Ebel 1931

Max Ebel hieß eigentlich Max Fieke, aber seine Braut, Betty Muchow, Tochter des Gastwirtes Ferdinand Muchow in Landin, bestand auf einer Namensänderung. „Wenn Du Deinen Namen nicht änderst, heirate ich Dich nicht.“ Was sollte der arme verliebt Max Fieke nun machen? Er ging zum Standesamt und da wurde ihm bedeutet. Das ginge, er könne gegen eine Gebühr von 150,00 Mark seinen Namen ändern lassen. So kam er als Max Ebel wieder zu seiner Betty und nun stand der Hochzeit nichts mehr im Wege. Er war Prokurist bei der großen Rathenower Optischen Firma „Nitsche und Günther.“ Er arbeitete in Rathenow, wo er ein großes Haus in der Wilhelm-von-Leibniz-Straße im vornehmen Stadtteil Nord bewohnte. Max Ebel war recht vermögend. Seine Eltern hatten die „Bäckerei Fieke“ in der Großen Baustraße in Rathenow, die sehr gut lief. Er borgte seinem Neffen, dem Bäckermeister Paul Schwarzlose, Geld und half ihm so aus einer großen Verlegenheit. Er machte mit seiner Frau eine Schiffsreise nach Norwegen, von der er gern erzählte. Norwegen mit seinen Fjorden und die Menschen dort hatten ihn fasziniert. Er wäre gern für immer dortgeblieben, aber Betty war bodenständig und wollte in ihrer Heimat bleiben. Es sind ja auch andere Entfernungen in Norwegen und die Menschen leben auf dem Lande weit verstreut. Von Rathenow nach Landin zu ihren Eltern und Geschwistern war es da nur ein Katzensprung. Max Ebel fuhr die Strecke oft mit dem Fahrrad.

In den Fjorden von Norwegen

Als 1945 die Russen die Stadt Rathenow eroberten, musste Max Ebel mit seiner Frau Betty das Haus räumen und man kehrte nach Landin zurück, denn das war ja das Elternhaus von Betty und Platz war auch genug da. So lebten nach dem Krieg (1939-1945) drei Familien unter einem Dach. Max und Hedwig Muchow, Max und Betty Ebel und Hertha Brunow mit ihren Eltern, die aus der zerstörten Wohnung in Berlin in Landin Zuflucht gefunden hatten. Es gab auch drei Haushalte, und es wurde alles fein säuberlich auseinandergehalten. Die Ehepaare Muchow und Ebel blieben kinderlos und vererbten alles ihrer Nichte Hertha Brunow.

Betty und Max Ebel in Landin

Max Ebel bekam in Alter von 75 Jahren Prostatakrebs und wurde von berühmten Chefarzt Dr. Richard Hinze im Paracelsus-Krankenhaus Rathenow operiert. Der Chefarzt Hinze und sein Oberarzt Dr. Wilhelm Grundmann waren begnadete Operateure, die mit Geschicklichkeit und Leidenschaft operierten. Eine Woche nach der Operation bestellte er die Ehefrau Betty Ebel zu sich und teilte ihr mit, dass der Krebs der Vorsteherdrüse auf das gesamte Becken übergegriffen habe. Er könnte nicht sagen, ob er alle Tochtergeschwülste im Becken entfernt hätte. Er meinte zu Betty, dass ihr Mann höchstens noch drei Monate zu leben habe. Sie möchte in dieser Zeit alles regeln, was zu regeln ist. Betty weinte zwei Tage lang, dann raffte sie sich auf und fuhr zu ihrem Mann ins Krankenhaus und sagte zu ihm: „Max, der Chefarzt hat gesagt, dass er nicht weiß, ob er alle Krebszellen entfernen konnte, wir müssen jetzt alles regeln, was zu regeln ist.“ Max wurde nach dem Gespräch sehr traurig und meinte: “Wenn es so ist, kann man nichts machen, außer beten.“ Und so wurde alles besprochen, was besprochen werden musste. Max machte ein Testament, indem er alles seiner Frau Betty vererbte. Nach drei Wochen war die Wunde gut verheilt, der Katheter war entfernt worden, und er konnte wieder gut Wasser lassen. Die Ärzte wünschten ihm alles Gute und entließen ihn nach Hause. Er suchte zusammen mit seiner Frau Betty eine Grabstelle auf dem Landiner Friedhof aus. Max bestimmte einen roten Rhododendron aus dem Garten. Der sollte auf sein Grab gepflanzt werden. Er suchte die Lieder zur Trauerfeier aus: “Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt“ von Paul Gerhardt und „So nimm den meine Hände.“ Als Predigttext für die Trauerfeier wollte er das Bibelwort „Die auf den Herren vertrauen, kriegen neue Kraft“ (Jesaja 40,31) haben. Und so erlebte er mit seiner Frau eine tiefe innige Zeit, denn er wusste, es wird nicht mehr lange gehen. Er nahm aber den Nachuntersuchungstermin gewissenhaft wahr und der Doktor in der Poliklinik in Rathenow fragte ihn, ob er damit einverstanden wäre, eine Hormonbehandlung mit weiblichen Hormonen zu probieren. Das wäre jetzt das Neuste. Natürlich war er damit einverstanden. Was sollte ihm noch passieren? Merkwürdigerweise hatte er guten Appetit und seine Frau kochte ihm alles, was er sich wünschte. Natürlich auch sein Lieblingsgericht: süßsaure Eier in Specksoße mit Kartoffelbrei und Sauerkraut. Sie buk ihm Kartoffelpuffer, die er auch sehr mochte. Er ging auch jeden Tag durchs Dorf und seine Spaziergänge waren erst nur ein paar Schritte, aber sie dehnten sich aus und wurden länger. Da er um sein Schicksal wusste, waren die drei Monate, von denen der Chefarzt gesprochen hatte, eine magische Grenze, vor der er doch etwas Angst hatte. Manchmal dachte er, er würde verrückt, aber dann sagte ihm sein kühler Verstand: Es ist alles normales Leben und der Tod gehört eben auch dazu. Betty weinte viel, aber er tröstete sie und meinte: Wir sind jetzt in dem Alter, wo man sterben kann und das ist ja nichts Besonderes, es ist der Lauf der Welt. Dann weinte Betty noch mehr und flüchtete sich wieder in ihre Arbeit. Max und Betty warteten nun alle Tage, dass aus einer Ecke der Tod hervorkommen würde, aber Max fühlte sich nach den Hormonspritzen immer besser. Das Vierteljahr kam und es passierte nichts. „Na, ja,“ meinte Betty, „die Ärzte können sich ja auch mal irren und so genau kann man das bestimmt nicht voraussehen.“

Grabstein von Betty und Max Ebel

Aus dem Vierteljahr wurde ein halbes Jahr und dann ein ganzes Jahr. Langsam beruhigten sich ihre Gemüter und der Alltag hielt wieder Einzug in der Familie. Die Jahre gingen dahin. Keiner dachte mehr an die Prophezeiung des Chefarztes. Im Februar 1966 erkältete sich Betty und bekam eine Lungenentzündung, von der sie sich nicht mehr erholte. Sie starb am 09.05.1966, beweint und betrauert von ihrem Mann und der ganzen Familie. „Totgesagte leben länger,“ sagt der Volksmund. Max Ebel hatte nach seiner todbringenden Erkrankung noch über elf Jahre gelebt und sogar seine Frau überlebt. Sie wurden beide auf dem Dorffriedhof in Landin bestattet. Auf dem Grabstein stand:

In Gottes Namen
Max Ebel
*9.7.1885 - † 30.1.1971
Betty Ebel
geb. Muchow
*16.08.1887 - † 9.5.1966

 
© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.05.2018


 

Die Einsegnung

Einsegnung von Helga Schultze
Palmsonntag 13.04.1930

Der Pfarrer führte regelmäßig den Konfirmationsunterricht im Pfarrhaus in Kriele für die Konfirmanden auch aus Landin durch. Jede Woche einmal versammelten sich die Kinder in Kriele und hörten, was der Pastor so an Wissen über die Bibel und das Christentum vermittelte. Sie lernten die 10 Gebote und einige Psalmen und lasen die Hauptkapitel der Bibel gemeinsam und lernten Kirchenlieder auswendig. Die schönste Geschichte der Bibel war für Helga Schultze die von Joseph und seinen Brüdern aus dem Alten Testament. Joseph und sein jüngere Bruder Benjamin waren die Söhne der Lieblingsfrau Rahel, die vom Vater Jakob nach dem Tode der Mutter schamlos vorgezogen wurden. Während die 10 Söhne seiner ersten Frau Lea die Schafe hüten mussten und harte Arbeit auf den Feldern verrichteten, wurde Joseph von einem Lehrer unterrichtet, lernte Fremdsprachen, Lesen und Schreiben. Er wurde auch zur Aufsicht für seine zehn Brüder vom Vater eingesetzt. Dazu träumte er noch so sonderbare Dinge, dass sich seine Brüder vor ihm verneigten. Als er einmal wieder zur Beaufsichtigung der Brüder bei den Weiden für die Schafe erschien, verkauften sie ihn einfach als Sklave nach Ägypten. Ihrem Vater zeigten sie in Schafsblut getränkte Kleidungsstücke von Joseph, die sie angeblich gefunden hätten und meinten zum Vater, dass Joseph sicher von wilden Tieren zerrissen worden sei. Joseph gelangte zu einem hohen Beamten des Pharao und wurde dort als Verwalter tätig. Als die Frau des Beamten ihn fälschlicherweise eines sexuellen Übergriffs beschuldigte, kam Joseph ins Gefängnis, wo er bald wieder die Verwaltung übernahm und dem Mundschenk und dem Bäcker des Pharaos ihre Träume richtig deutete. Als nun der Pharao selbst träumte, dass sieben fette Kühe aus dem Nil stiegen und von sieben mageren Kühen gefressen wurden, wachte er schweißgebadet auf und träumt erneut, dass sieben fette Korngarben von sieben mageren verschlungen wurden. Keiner der Traumdeuter am Hofe des Pharaos konnte damit etwas anfangen. Da erinnert sich der Mundschenk an den Joseph, der schleunigst aus dem Gefängnis geholt wurde und dem Pharao erklärte, dass sieben reiche Erntejahre kommen werden und danach sieben Dürrejahre mit großer Hungersnot. Der Pharao ernannte sofort Joseph zum Minister, der große Scheunen bauen ließ und in den ersten sieben Jahren riesige Kornvorräte im ganzen Land anlegte. Als dann die Hungersnot kam, traf sie auch Jakob und die restlichen 11 Geschwister in Israel und sie kamen nach Ägypten, um Korn zu kaufen. Der Minister Joseph erkannte sie sofort und holte nun seine ganze Familie nach Ägypten. Seinen Brüdern sagte er: “Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Er wurde durch Gottes Plan zum Erretter seiner ganzen Sippe bei der Hungersnot. Die Konfirmation fand in der Landiner Kirche statt.

Dorfkirche Landin 21.04.1930

Eine Woche vor der Einsegnung war im Gottesdienst die Prüfung der Konfirmanden in der Kirche. Davor hatten alle Angst, denn die ganze Gemeinde war dabei und konnte auch Fragen stellen. Der Pfarrer hatte zu den Konfirmanden beruhigt und gesagt: „Wer die Antwort weiß, hebt den rechten Arm und wer die Antwort nicht weiß, der hebt den linken Arm.“ So kam es, dass sich immer alle Konfirmanden meldeten, wenn der Pfarrer eine Frage stellte und die Eltern und Großeltern und alle Verwandten waren sehr stolz auf ihre Kinder. Der Pfarrer hatte allen geboten über diese Meldepraxis Stillschweigen zu wahren. Der Superintendent war auch zur Prüfung in der Kirche und der gesamte Gemeindekirchenrat. Der Pfarrer wurde für seine pädagogische Arbeit mit den Konfirmanden sehr gelobt. Die Obrigkeit war erstaunt über so viel Wissen in Landin. Der Eingang zur Kirche wurde zur Konfirmation mit einer Fichtengirlande geschmückt. Helga Schultze trug ein schwarzes Kleid, schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe. Als Schmuck hatte sie eine silberne Brosche am Kleid und eine silberne Gürtelschnalle. Ihr Konfirmationsspruch lautete: “Herr Deine Güte reicht soweit der Himmel ist und Deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen“ (Psalm 36, 4). Bei der Einsegnung bekamen die Konfirmanden das erste Mal Brot und Wein beim Abendmahl und waren damit offiziell in die Gemeinschaft der Erwachsenen in der Kirchengemeinde aufgenommen. Der Pfarrer hoffte natürlich, dass die Konfirmanden jeden Sonntag zum Gottesdienst in die Kirche kommen würden. Alle Verwandten kamen zur Konfirmation nach Landin und es wurde extra ein Schwein vom Fleischer aus Kriele geschlachtet. Zur Konfirmation waren ungefähr 20 Verwandte versammelt. Die Mutter hatte zum Mittag eine Hühnersuppe gekocht und es gab Schweinebraten, Rotkohl und Kartoffeln und als Nachspeise selbst eingeweckte Pflaumen und ein Glas Johannisbeerwein. Die Einsegnung war ein großes Fest für die ganze Familie und der Pfarrer kam auch zu jeder Konfirmationsfeier und hielt sich mit seiner Frau etwas in der Gesellschaft auf, ehe er dann weiter zum nächsten Konfirmanden ging. Es war Kuchen gebacken worden im alten Backofen hinter dem Haus und es gab eine schöne Kaffeetafel. Zum Abendessen hatte die Mutter und Tante Elisabeth Frikassee und Kartoffelsalat vorbereitet. Dazu gab es Bockwurst und belegte Brote mit der eigenen Schlackwurst. Die Bockwurst war dem Fleischer etwas zu salzig geraten, sodass reichlich Bier und Wein getrunken wurde. Als Geschenke gab es signiertes Schreibpapier, was schon sehr wertvoll war. Andere Geschenke bestanden aus Seidengarnituren und Kleiderstoff. Der Kleiderstoff war so reichlich bemessen, dass viele Kleider davon genäht werden konnten.

Ein vorfristiges Geschenk von Tante Carmen aus Friesack hatte es ihr besonders angetan. Tante Carmen war immer für eine Überraschung gut. Sie schenkte ihr schon vor dem Termin der eigentlichen Konfirmation eine Karte für den großen Friesacker Karneval im Gesellschaftshaus Krauspe, worüber sich die Konfirmandin am meisten gefreut hatte und bei der Konfirmationsfeier viel davon erzählte. Für Helga Schultze war es ein schöner Tag und sie erinnert sich gern daran. Oft sang sie später ihren Kindern das Faschingslied vom Friesacker Karneval vor: “Schon knospet der Flieder - froh klingen die Lieder. In Krauspes Haus ladet wieder der Fliederstrauß“.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.04.2018


 

Die Bodenreform in Landin

Am 29.12.1945 erhielt Max Muchow durch die Bodenreform Ackerland und Wald in Landin. Die Kommunisten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) in der russischen Besatzungszone den märkischen Adel von seinen Schlössern vertrieben und sein Land enteignet. Auf Grund der Verordnung über die Bodenreform in der Provinz Brandenburg vom 06.09.1945 hatte der Vorsitzende der Gemeindekommission für Bodenreform in Landin Rudolf Gnad eine Urkunde an Max Muchow übergeben, die vom Vorsitzenden der Kreiskommission für das Westhavelland, dem Landrat Gehrmann, unterzeichnet war. Danach bekam Max Muchow 1,10 ha Ackerland und 3,00 ha Wald gegen eine Anzahlung von 10 %. Den Rest des Betrages von 815,00 Reichsmark sollte Max Muchow in den nächsten 10-20 Jahren entrichten. Max Muchow hat den gesamten Betrag sofort bezahlt und er erhielt am 29.12.1945 die entsprechende Urkunde, die vom Landrat Gehrmann und vom Präsidenten Steinhoff unterzeichnet waren. Das Grundstück und der Wald wurden damit rechtskräftig und schuldenfrei an den neuen Besitzer übergeben. Auf der Urkunde steht: „Der Grundbesitz soll sich in unserer deutschen Heimat auf feste, gesunde und produktive Bauernwirtschaften stützen, die Privateigentum ihres Besitzers sind.“ So erhielten viele arme Landarbeiter und viele Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern eigenes Land und konnten als Neubauern nach dem furchtbaren Krieg versuchen, ein friedliches Leben und eine neue Existenz aufzubauen. Beim Kartoffelracken half die ganze Familie und saß vor den Kartoffelreihen mit einer Hacke und holte die wertvollen Knollen aus dem Erdreich.

Kartoffelracker in Landin

Bei den Großbauern waren auch viele fremde Helfer beim Kartoffelracken zugange. Zehn bis zwanzig Männer und Frauen schoben sich kniend mit einem Korb rechts und links vorwärts und arbeiteten sich so langsam über das Feld mit seinen Kartoffelreihen. Die Kinder halfen selbstverständlich mit, denn nach dem Krieg gab es noch keine Kindergärten. Die Versorgung der vielen Menschen mit Lebensmitteln stand nach dem Krieg an erster Stelle und so unterstützten alle Regierungen die Bauern. Aber schon 1952, nachdem die größte Not überwunden war, beschlossen die Kommunisten diese Bauern durch die Hintertür wieder zu enteignen und ihre kleinen Bauernwirtschaften in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) zu überführen.

Ab 1960 wurde auf die Bauern massiv Druck ausgeübt, damit sie diesen Genossenschaften beitraten. Viele Menschen flohen damals in den westlichen Teil von Deutschland, sodass am 13.08.1961 in Berlin eine Mauer errichtet und die Grenzsperren zum Westen massiv ausgebaut wurden. Damit konnte niemand mehr den Osten des Landes verlassen. Max Muchow war ein kleiner Landwirt und bewirtschaftete seine Felder und Wiesen mit seiner Frau und den übrigen Angehörigen der Familie, was nicht immer einfach war.

Erntehelfer in Landin mit ihren Kindern auf der Karre

Ein Roggenfeld

Er folgte dem Ruf der Kommunisten bald und trat in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft „Freie Scholle“ in Landin ein. Max Muchow war Gastwirt und Landwirt, wie viele Menschen vor ihm und wie es auf den Dörfern seit Jahrhunderten üblich war. Er kümmerte sich aber wenig um die Gastwirtschaft. Er liebte die Pferde, das Land und arbeitete gern als Landwirt. Die Gastwirtschaft betrieben die Frauen in seiner Familie.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.03.2018


 

Die freiwillige Feuerwehr von Landin

Versammlung der Freiwilligen Feuerwehr am 15.09.1959 im Gastzimmer der Gaststätte Muchow

Die freiwillige Feuerwehr in Landin war eine wichtige Einrichtung, denn Brände gab es immer mal und da war es gut, wenn es auch Menschen gab, die dem Brand Einhalt geboten. 1959 waren nur Männer in der Feuerwehr. Frauen waren selbstverständlich auch zugelassen, aber es war eine Ausnahme und etwas ganz Extraordinäres, wenn eine Frau in der Freiwilligen Feuerwehr war. So traf sich alle Monate eine reine Männergesellschaft in der Gasstätte Muchow in Landin und besprach, was so zu bereden war. Es kamen neue Hinweise des Kreisbrandmeisters aus Rathenow. Es wurden die Termine für Übungen vereinbart und die letzten Brandkatastrophen im Kreis Rathenow ausgewertet. Dazu gab es reichlich Bier und manchmal auch einen kleinen Schnaps und nach dem offiziellen Teil wurde Skat gespielt. Es waren fast alle Männer in der Landiner Freiwilligen Feuerwehr.

Ein Höhepunkt im Jahr war der Feuerwehrball, bei dem natürlich auch die Familien dazukamen. Die Feuerwehrleute konnten auch Freunde und Verwandte einladen und so war meist das ganze Dorf versammelt. Es wurde der neuste Dorfklatsch besprochen und es war ein Informationsaustausch, wie er sonst kaum möglich war. Für die Kinder begann der Feuerwehrball schon am Nachmittag mit dem Kindertanz. Wenn die Kinder dann ins Bett gebracht waren, ging der Tanz für die Feuerwehrleute und ihre Frauen und Freundinnen weiter. Manche Kinder durften auch bis um zehn Uhr abends dabei sein und wurden von allen beneidet, die früher nach Hause mussten. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) war der Feuerwehrball das einzige gesellschaftliche Ereignis des Jahres im Dorf. Erst viel später kamen die Feiern zum 1. Mai wieder. Die Feuerwehr war notwendig und verfolgte keine politischen Ziele. Das war für die kommunistische Regierung wichtig und sie konnte beruhigt und frei von Kontroll- und Aufsichtszwängen solche Tanzveranstaltungen zulassen.
Im Anfang wurde bei Bränden die Glocke in der Landiner Dorfkirche geläutet, aber als man sich von den Kriegsfolgen etwas erholt hatte, wurde eine Sirene angebracht, die dann die Feuerwehrleute alarmierte, wenn es brannte. Jeder ließ seine gerade begonnene Arbeit stehen und liegen und rannte zum Spritzenhaus, wo dann so schnell wie möglich das Feuerwehrauto zum Brandort fuhr und das Feuer löschte. Es gab manchmal auch Brandstifter, die immer zuerst an Ort und Stelle waren und dann fleißig mitlöschten. Wenn so ein Brandstifter unterwegs war und Strohmieten in Brand setzte, war das schlimm für die Menschen und sie waren froh, wenn er überführt werden konnte und der „Rote Hahn“ nicht mehr in den Dörfern wütete. Es war für die jungen Männer eine schöne Zeit und bei den Feuerwehrbällen hat mancher seine Liebste fürs Leben gefunden.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.02.2018


 

Die Hexe von Landin

Eine boshafte alte Witwe lebte in Landin und redete über alle Bewohner nur Schlechtes. Sie wusste auch viel von ihren Nachbarn und war daher als Klatschbase verschrien. Viele bezeichneten sie auch als alte Hexe. Den Landinern fiel auf, dass sich abends eine scheinbar herrenlose Katze auf den Fensterbänken der Häuser niederließ und in die Zimmer schaute. Der Dorfschulze in Landin hatte schon lange den Verdacht, dass sich die Klatschbase nachts in eine Katze verwandelte und so die Bewohner belauschte. Als er die Katze wieder einmal auf einem Fensterbrett sitzen sah, nahm er einen langen Knüppel und schlug ihr kräftig auf den Rücken. Am nächsten Tag ließ sich die Witwe gar nicht auf der Straße oder vor dem Haus sehen. Als der Dorfschulze nach ihr sah, lag sie im Bett und meinte sie könne nicht aufstehen, sie habe einen Hexenschuss. Nun wussten die Bewohner, dass die Katze, die alte Hexe war. Sie fürchteten sich nicht mehr vor der alten Witwe, denn wenn sie die Katze wieder vor einem Fenster erblickten, vertrieben sie sie sofort.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.01.2018


 

Ein Weihnachtsfest in Landin

Weihnachten 1963 in Landin

Ein Weihnachtsfest bei Hedwig Muchow in Landin war immer ein sehr inniges Fest mit Besuch der Verwandten im Haus. Lene aus Spaatz war da und half im Haushalt mit. Die Gottesdienste waren 1963 in der Gaststube Muchow sowohl am Heiligen Abend als auch an den Feiertagen. Der Förster Hans Babucke hatte im Advent einen Tannenbaum über den Hofzaun geworfen. Der Baum wurde am 23.12. in den Ständer gestellt und der Weihnachtsschmuck vom Boden geholt. Es wurde Kuchen gebacken, eine Gans geschlachtet und Grünkohl im Garten geerntet. Am Heiligabend wurde der Weihnachtsbaum geschmückt, die Gans gebraten, der Grünkohl gewaschen und zubereitet. Nach der Christvesper am Heiligen Abend setzten sich alle Hausbewohner und ihre Gäste unter den Weihnachtsbaum. Es gab Kartoffelsalat und Würstchen und ein Glas Glühwein. Dann wurden die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und Hertha Brunow las eine Geschichte aus einem Weihnachtsbuch vor. Es wurden auch Weihnachtslieder gesungen und zum Schluss die Geschenke ausgepackt. Die Weihnachtskekse und anderes Weihnachtsgebäck standen auf dem Tisch und es durften die Apfelsinen nicht fehlen, die es nur zu Weihnachten zu kaufen gab. Es waren kleine und große Geschenke unter dem Weihnachtsbaum gelegt worden, meistens Strümpfe, selbst gestrickte Handschuhe, Pullover und andere Sachen, die man im Winter nötig hatte. Gegen Mitternacht wurden die Kerzen gelöscht, das Geschirr in die Küche gebracht und alles gleich abgewaschen und dann schlief das ganze Haus in den 1.Weihnachtstag hinein.

Am Morgen des Weihnachtsfestes wurde die Gaststube nach dem Frühstück schon wieder für den Weihnachtsgottesdienst hergerichtet, denn die Landiner kamen pünktlich um 11:00 Uhr zum Gottesdienst. Elfriede Müller aus Kriele spielte die alten Weihnachtslieder auf dem Klavier und der Pfarrer verkündete die Botschaft von der Geburt Jesus Christus auch den Landinern zum ewigen Heil. Wenn sich die Menschen verlaufen hatten, ging es in die Küche, wo die Klöße bereitet wurden, die fertig gebratene Gans noch einmal in den Ofen kam und der Grünkohl langsam erwärmt wurde. Bei der Festtafel, wo es zur Feier des Tages und nach dem Tischgebet ein Glas Wein gab, wurden lustige Geschichten aus alten Zeiten erzählt. Die Alten wussten zu berichten, dass sie früher die Geschenke immer erst am 1. Weihnachtstag bekamen, aber das war lange her. Nach dem Birnenkompott gab es noch den Abwasch und dann legte sich alles zur Mittagsruhe, ehe der Kaffeeduft die Menschen zu Kaffee und Kuchen rief. Der Kaffee war knapp und deshalb gab es nur sonntags Bohnenkaffee und natürlich zu den Feiertagen. Marmorkuchen und selbst gebackene Pfirsichtorte wurden dazu gereicht. Zu den Weihnachtstagen wird es ja immer früh dunkel und so erzählte man bis zur Abendmahlzeit Geschichten aus dem Dorf und aus dem Leben. Nach dem Abendessen spielte Hertha Brunow und ihre Gäste Rommé oder Canasta. Nur Hedwig Muchow wollte da nicht mitmachen. Für sie war Kartenspiel Teufelszeug. Sie kümmerte sich derweil um die Wirtschaft und räumte alles auf. Am 2. Feiertag, wenn denn mal zu Weihnachten Schnee lag, wurden die Pferde angespannt und alle Kinder und Erwachsene zu einer Schlittenpartie eingeladen. 20-30 Schlitten fuhren dann ein paar Stunden durch die weiße Winterlandschaft zur Freude der Kinder, die diese Schlittenfahrten nie vergaßen.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.12.2017


 

Der Fluch über das Kloster auf dem Rütscheberg

In der Nähe des kleinen Dorfes Landin im Havelland soll im frühen Mittelalter ein Kloster auf dem Rütscheberg gestanden haben. Es lebten darin aber keine frommen Mönche, die ihrem Tagwerk nachgingen oder den Armen und Kranken halfen, sondern eine verlotterte Mörderbande, die nur darauf aus war unter dem Heiligenschein der Kirche die Menschen auszuplündern und zu betrügen. Der Bischof von Brandenburg, dem die Aufsicht über das Kloster oblag, war weit weg und kümmerte sich nicht um die verkommenen Brüder auf dem Rütscheberg. Wenn ein neuer Mönch sich doch einmal zum Christentum und zur Barmherzigkeit bekennen wollte und Gottes Wort in diesem Kloster suchte, wurde er einfach umgebracht und eine scheinheilige Trauerfeier inszeniert. Den Bewohnern der Dörfer spielten sie eine Rolle von frommen Eiferern vor. In Wirklichkeit waren sie aber nur auf ihre Laster bedacht.

In Landin lebte einmal ein sehr schönes Mädchen, dass einem Jäger versprochen war und die beiden liebten sich herzlich. Das Mädchen lebte mit ihrem kranken Vater zusammen und umsorgte ihn aufopferungsvoll Tag und Nacht. Der Jäger kam jeden Tag in das Haus der Familie und unterstütze seine Geliebte in der Hauswirtschaft nach Kräften. Als der Jäger mehrere Tage in einem anderen Gebiet arbeiten musste, kamen die Mönche vom Rütscheberg in das Haus und suchten unter Vorspiegelung der Hilfe für den Vater mit Beten und Handauflegen seine Leiden zu lindern. Dabei logen sie dem Vater vor, dass der Jäger eine andere Geliebte hätte und er seine Tochter unbedingt ins Kloster geben sollte, damit sie ihn gesund pflegen könnten und durch dieses Opfer dem Vater die ewige Seligkeit zuteil werde. Das schöne Mädchen glaubte nicht an die Untreue ihres Bräutigams und wehrte sich verzweifelt. Alles Weinen und Beten half nichts. Der kranke Vater bestimmte, dass sie mit den argen Brüdern mitgehen musste. Die Brüder vergewaltigten sie und als sie ihrer überdrüssig waren, erdrosselten sie sie und versenkten ihre Leiche mit Steinen beschwert im See. Ein Schäfer hatte sie dabei beobachtet und berichtete es dem Jäger, der wutschnaubend vor das Kloster zog und Rache nehmen wollten. Aber die verbrecherischen Brüder verhöhnten ihn nur von ihren sicheren Mauern, so dass er letztendlich auch den Tod im See suchte, um mit seiner Geliebten wenigsten im Tode vereint zu sein. Ehe er sich im See ertränkte, sprach er noch einen Fluch über die Mönche und das gottlose Kloster.
Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sehr fein. So kam es denn, dass nach und nach keine neuen Mönche in das Kloster kamen. Es verfiel mit der Zeit und zum Schluss entzündete ein Blitz das ganze Kloster bei einem fürchterlichen Unwetter mit Gewitter und Sturm. Es brannte alles nieder. Die Mönche, die den Flammen entkommen wollten, wurden von der wilden Jagd vor den Toren empfangen und erhielten ihre gerechte Strafe. Auch dem unbarmherzigen Vater war kein Glück beschert. Er musste nach seinem Tode ruhelos durch die Ruinen des Klosters und durch sein Heimatdorf Landin wandeln. Viele Menschen in Landin wurden von ihm als Gespenst, seinen Kopf unter dem Arm tragend, erschreckt. Endlich hat er durch den Geist seiner Tochter Vergebung erhalten und wurde vom dem Umherwandeln erlöst. Von dem Kloster ist nicht ein Stein mehr geblieben. So hat sich der Fluch des Jägers auf furchtbare Weise erfüllt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.11.2017


 

Wie die Bredows ins Havelland kamen

Zeichnung: Erika Guthjahr

Als der Teufel auf der Erde die Bösewichter holte, waren darunter neun Edelleute derer von Bredow. Er steckte die von Bredows, die die Menschen betrogen und ausgesogen hatten, in einen Sack und wollte mit ihnen in die Hölle fliegen. Während des Fluges stieß er mit seinem Sack an die Kirchturmspitze von Fehrbellin. Es entstand ein Loch im Sack, aus dem nach und nach neun Edelleute rausfielen.
Der erste rief: „Frie ut´n Sack! Frie ut´n Sack!“ Der Ort wurde später Friesack genannt. „Mok dat Loch to“, rief der, der dem ersten Bredow am nächsten saß, konnte aber nicht verhindern, dass er ihm nachfolgte und nannte den Ort Lochow. „Steck et to! Steck et to!“, war die ängstliche Rede des nächsten Bredow, aber es hörte ihn niemand und so plumpste er in Stechow auf die Erde. Ein anderer Bredow rief: „Ick will bes hin an den Kien!“ Das Dorf erhielt den Namen Pessin. Der Nächste meinte „Ick gah den selben Weg lang.“ Daraus ist der Ort Selbelang entstanden. Ein andere rief: „Ick loop rechts to.“ Das Dorf, wo er sich niederließ, nannte er Retzow. Der siebente Bredow sagte: “Ick gah landin“, woraus der Name Landin entstanden ist. Einer der Bredows schrie beim Fall aus dem Sack: “Ick wag´s niet.“ Der Ort, wo er sich niederließ, nannte er Wagnitz. Der nächste, der aus dem Teufelssack fiel, fühlte sich dort gleich wohl, wo er hingefallen war, und sagte: “Hier blev ick görne.“ Der Ort heißt heute noch Görne. Die Bredows breiteten sich im ganzen Havelland aus. Fast in jedem Ort gab es ein Schloss und die Bredows bewirtschafteten ihre Ländereien in dem Ort. Soweit die Legende.

Die Geschichte berichtet, dass unter Albrecht dem Bären im 12. Jahrhundert ein Ritter Arnold von Bredow in den Osten kam. Die Bredows bekamen ein paar Fischerdörfer als Kriegsbeute. Die Söhne heirateten aber so geschickt, dass ihnen bald 31 Orte im Havelland gehörten. Es waren gute und schlechte Gutsbesitzer dabei und sie haben die Menschen und das Havelland sehr geprägt. Auch in Landin gab es über viele Jahre ein Schloss, in dem ein Zweig der Familie von Bredow wohnte. Erst 1945 endete die Geschichte des Adelsgeschlechtes derer von Bredow im Havelland.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.10.2017


 

Eine Hochzeit in Landin

Inge und Bernd Mewes mit ihren Gästen vor der Gaststätte Muchow in Landin
 

Eine Hochzeitsfeier ist schon ein großes Ereignis in einem kleinen Dorf wie Landin. Die Menschen leben enger zusammen. Die Natur ist den Menschen viel näher als in der Stadt. Die Jahreszeiten Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter werden hautnah erlebt. Bernd Mewes aus Landin hatte seine Liebe in Grevesmühlen an der Ostsee gefunden und heiratete am 13.08.1966 in Landin seine Inge. Die Feier begann mit dem Hochzeitszug zur Kirche und Lisa Gretzinger konnte noch jahrelang bis auf jede Einzelheit genau beschreiben, was die Frauen für Kleider anhatten.

    

 
Die festlich geschmückte Kirche war wunderschön. Überall hatten die Brautleute Rosen an die Bankreihen befestigt. Eine große Fichtengirlande schmückte den Eingang zur Kirche. Die Glocke läutete, als der Brautzug zur Kirche ging und als er die Kirche wieder verließ. Die Braut konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, aber Bernd Mewes hielt seine Frau fest an der Hand und gab ihr Mut und Kraft für diese bedeutende Stunde. Der Pfarrer predigte über das erste Wunder, das Jesus Christus bewirkte. Er war auf einer Hochzeit in Kana mit seinen Freunden eingeladen worden. Das Brautpaar war nicht so reich. Bei den vielen Gästen ging ihnen der Wein aus, und es war ihnen sehr unangenehm. Die Mutter von Jesus, Maria, sprach daher mit ihrem Sohn und bat ihn, den jungen Leuten zu helfen. Er weigerte sich zunächst, gab aber dann doch dem Servierpersonal die Anweisung sechs große Wasserkrüge, die zur rituellen Waschung dienten, mit frischem Wasser zu füllen und davon eine Probe dem Koch zu bringen. Als der Koch von dem Wasser kostete, war er völlig perplex, denn er hatte noch nie einen so guten Wein gekostet. Der Trauspruch lautete: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1 Kor 16,14). Nach dem Segen verließ das Brautpaar die Kirche. Die Dorfkinder hatten sich an der Straße aufgestellt und hatten alle 300 m eine Wäscheleine über die Straße gespannt. Der Bräutigam musste immer etwas Kleingeld den Kindern hinwerfen. Dann lockerten sie die Sperre und ließen den Brautzug durch. Die Hochzeitsgesellschaft stellte sich zum Fototermin vor der „Gaststätte Muchow“ auf. Der Fotograf Haecker kam mit einem kleinen Auto aus Rathenow und bildete die Hochzeitsgesellschaft professionell ab.

Das Essen bestand aus einem Dreigängemenü und wurde im Saal der Gaststätte serviert. Zuerst wurde eine Hochzeitssuppe gereicht. Das war eine Gemüsebrühe mit Eierstich und kleinen Gehacktesklößchen. Danach gab es Kartoffeln mit Schweinebraten und Rinderbraten und Gemüse, das aus Blumenkohl, Buttermöhren, Erbsen und Spargel bestand. Als Nachtisch wurde den Gästen Rote Grütze mit Vanillesoße angeboten. Dazu wurde Wein, Bier und Saft gereicht. Nach dem Mittagessen gingen die Brautleute und die Jugend durch das Dorf und präsentierten ihr junges Glück bei allen Nachbarn. Die Alten waren im Saal sitzen geblieben und warteten auf den Kaffee und den Kuchen, den es am späten Nachmittag geben sollte. Es waren viele Torten gebacken worden. Dazu gab es Streuselkuchen, Bienenstich und Pflaumenkuchen mit Sahne. Alle Verwandten hatten beim Backen geholfen und die Kuchen und Torten am Polterabend in der Speisekammer der Gaststätte abgestellt. Leider hatte Hertha Brunow nicht bemerkt, dass ein Fenster zur Speisekammer offen stand. In der Nacht waren die Katzen hereingesprungen und hatten etliche Kuchen angefressen. Aber es war noch genug unversehrter Kuchen erhalten geblieben, so dass die Gäste nichts davon mitbekamen. Ärgerlich war es trotzdem. Nach dem Spaziergang gab es Kaffee und Kuchen und für die Kinder Kakao, und es wurde noch einmal tüchtig geschwelgt. Gerda Burow, die Stiefmutter von Bernd Mewes, war eine talentierte Hobby-Dichterin und hatte ein langes Hochzeitsgedicht gemacht und trug es dem Brautpaar und den Gästen vor. Inzwischen war auch eine kleine Musikkapelle erschienen und die Braut und der Bräutigam eröffneten den Tanz. Jeder wollte nachher natürlich einmal mit der Braut tanzen. Als man sich gegen sieben Uhr am Abend zu Tisch setzte, war die Braut schon etwas ermattet und froh, dass es erstmal eine kleine Pause gab, denn das Abendessen war deftig und ausgiebig. Es gab Kassler vom Schwein mit Sauerkraut, Nudelsalat und Kartoffelsalat, Bockwurst und belegte Brote. Hauptsächlich wurde Bier getrunken. Natürlich standen auch Schnaps, Likör und Wein bereit für die, die danach verlangten. Nach dem Abendessen ging es weiter mit dem Tanz und allerhand Spielen, die sich immer um das junge Paar drehten. Freunde hatten Geschenke für die jungen Leute zusammengetragen. Unter anderem war auch ein Geschirrspüler in einem großen Karton verpackt übergeben worden. Als die Braut das Paket auspackte, kam ihr Ehemann mit einem Abwaschtuch heraus. Es gab eine kleine Modenschau mit altertümlichen Kostümen, was die Hochzeitsgesellschaft sehr amüsierte. Kurz vor Mitternacht verabschiedete sich das Brautpaar mit dem Brautschleiertanz. Die Braut hatte ihren Schleier recht locker aufgesteckt und alle jungen Paare versuchten während des Tanzes den Schleier zu erhaschen. Wer den Schleier bekam, heiratete als nächstes Paar, so der Brauch. Das Brautpaar verließ danach das Fest, während die Gäste noch bis in den frühen Morgen feierten.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.09.2017


 

Der Teufelsberg von Landin

 
In Landin lebte Lippold von Bredow, der sein Vermögen verprasste und sich hoch verschuldete. Durch sein wildes Leben wurde er ein leichtes Opfer des Teufels. Mit ihm schloss der einen Packt, dass er vom Teufel alle Wünsche erfüllt bekäme und am Ende seines Lebens der Teufel die Seele seiner jungen, hübschen Frau holen könnte. Wenn der Teufel ihm aber einen Wunsch nicht erfüllen sollte, wäre er wieder frei von dem Pakt. So lebte er denn herrlich und in Freuden, aber nach und nach überkamen ihn doch Ängste und er hätte den Pakt gern widerrufen, aber es war zu spät. In seiner Not vertraute er sich einem alten Schäfer an, der durch seine Weisheit berühmt war. Er gab ihm folgenden Rat. Er sollte den Teufel um einen Scheffel voll Gold bitten. Ein kleiner Scheffel fasste 25 kg und ein großer Scheffel fasste 40 - 45 kg. Auf dem Rhinsberg, so riet ihm der Schäfer, sollte er ein Loch ausheben und einen Scheffel mit einem beweglichen Boden über das leicht verdeckte Loch aufstellen und sich das Gold in den Scheffel schütten lassen. An einem vorherbestimmten Termin kam um Mitternacht der Teufel mit einem Sack voll Gold zum Rhinsberg und schüttete das Gold in den Scheffel. Da der Scheffel sich nicht füllte, flog der Teufel erneut los und brachte mehr Gold, aber auch das füllte den Scheffel nicht. Schließlich rief der Teufel wütend: „Liepel, Liepel, Läpel, wat häst für´n groten Schäpel?“ Da schlug die Uhr vom Turm der Kirche in Landin eins und der Vertrag mit dem Teufel war nicht erfüllt worden. Lippold von Bredow war wieder frei und führte nun ein gottesfürchtiges, tugendhaftes Leben. Seitdem heißt der Berg Teufelsberg. Das Loch ist heute noch zu sehen.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.08.2017


 

Das Feenschloss

Wenn man die Straße von Rathenow nach Landin fährt, ist links vor dem Havelländischen Hauptkanal eine kleine Lichtung, die im Volksmund als „Feenschloss“ bezeichnet wird. Dort scheint den ganzen Tag die Sonne, wenn sie denn scheint, und eine Geschichte berichtet, dass der junge Bauernsohn Bartholomäus Mewes aus Landin im Juni in einer Vollmondnacht auf die Jagd ging, als er durch eine feine Musik zum Feenschloss gelockt wurde. Er sah dort ein kleines Schlösschen, vor dem 12 Feen im Mondlicht tanzten. Sie winkten ihm zu und er ging auf die Lichtung, wo ihm die Feen süßen Wein und gezuckerte Früchte anboten. Er tanzte mit den Feen die ganze Nacht hindurch. Sie sangen immerfort ein und dasselbe Lied.

Im Mondlicht tanzen wir Feen;
wir schweben über Wälder und Seen.
Den Menschen bringen wir Glück
und kommen hierher zurück.

Als die ersten Morgenstrahlen am Horizont zu sehen waren, fiel er in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst gegen Abend am Waldrand erwachte. Von nun an besuchte er in den Vollmondnächten oft das Feenschloss und tanzte mit den Feen. Es war wie ein Zauber, der ihn immer wieder zum Feenschloss lockte.
Auf einem Fest in Landin lernte Bartholomäus Mewes einmal die schöne Tochter des Müllers aus Kriele kennen und verliebte sich in sie. Christlinde Müllerin, wie sie genannt wurde, war auch ein anmutiges Mädchen mit wunderschönem Haar und blitzenden Augen. Nachdem die Ernte eingebracht war, wurde in Landin eine große Bauernhochzeit gefeiert. Es gab Wein, Bier und Braten. Als Vorspeise aßen die Gäste Milchreis mit Fischen, was alle sehr liebten. Der Fisch war in einer Essigmarinade eingelegt und wurde als Soße über den Reis gefüllt. Nach der Hochzeit kam der Winter und der junge Ehemann lebte mit seiner Frau glücklich und zufrieden.
Als er im nächsten Frühjahr wieder auf die Jagd ging, streifte er bei Vollmondnächten oft am Feenschloss vorbei. Das Schloss und die Feen blieben aber seinen Augen verborgen und die Musik hat er auch nie mehr vernommen, nur die Erinnerung blieb ihm bis ins hohe Alter lebendig vor Augen und er erzählte seinen Kindern und Enkelkindern oft davon.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.07.2017


 

Die versunkene Kutsche im Landiner See

 
Die Sage berichtet, dass auf dem Hohen Rott früher ein Riese lebte und auf dem Rütscheberg ein Riesenfräulein. Zwischen den Hügeln befand sich ein Sumpf, der immer einen großen Umweg erforderlich machte, wenn sich die beiden, die sich sehr lieb hatten, sehen wollten. Das Riesenfräulein kam deshalb auf die Idee, ihre Schürze mit Erde zu füllen und die Erde in das Luch zu werfen. So war beiden geholfen. Wenn der Riese mit einem Bein auf dem Hügel trat, war er mit dem anderen Bein bei seiner Geliebten. Wo das Riesenfräulein den Sand entfernte, befindet sich heute der Landiner See.
Jeder Pfarrer auf dem Dorf hatte in früheren Zeiten einen Acker, den er selbst bewirtschaften musste. Als ein Pfarrer mit seiner jungen Frau neu in Landin war, säte er auf dem Pastorenacker Weizen aus und ging jeden Tag, um nachzuschauen, ob die Weizensaat schon aufgegangen waren. Aber es braucht alles seine Zeit und meistens kam er unverrichteter Dinge vom Feld heim. Die Bauern in Landin bemerkten natürlich, was da vorging. Ein Bauer sagte ihm deshalb am Sonntag nach dem Gottesdienst: “Herr Pastor den Weiten mütt Se nich alle Dage bekieken, de wasst van alleen.“ Früher waren die Pastoren ja mit Pferd und Wagen unterwegs. Die Pfarrer hatten auch damals schon mehrere Dörfer zu versorgen. Als er einmal in Haage predigte, geriet er am Abend bei der Heimfahrt nach Landin in ein fürchterliches Gewitter. Er konnte in seiner Pferdekutsche nicht die Hand vor Augen sehen. Durch den krachenden Donner scheuten die Pferde und das Gefährt kam in wilder Fahrt vom Wege ab. Der Pastor konnte seine Kutsche nicht mehr lenken und fuhr direkt in den Landiner See, wo er mit Mann und Maus im Moor versank. An der Stelle, wo der Pastor mit seiner Kutsche verunglückte, soll der See auch heute nicht zufrieren. Deshalb nennt man die Stelle noch immer „Das Pastorenloch.“

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.06.2017


 

Karl und Betty

 
Betty Ast wohnte mit ihrem Mann Karl in der Nähe der kleinen Dorfkirche in Landin. Jeden Sonntag ging das Ehepaar zum Gottesdienst. Im Winter war es in der Kirche zu kalt und da feierte man alle Gottesdienste in der Gaststube des Gasthofes Max Muchow, der inzwischen Hertha Brunow gehörte. Hertha Brunow war eine fromme Frau, die mit allen Pfarrern engste freundschaftliche Beziehungen pflegte. So war es für sie selbstverständlich, dass sie ihr Haus im Winter für die Gottesdienste öffnete. Dafür nahm sie sich das Recht heraus, die Predigten und den Gottesdienstablauf heftig zu kritisieren. Der Pfarrer konnte predigen, was er wollte, es gab immer Kritik. Eine Ausnahme gab es aber doch. Der Pfarrer Karl Domsch lobte Hertha Brunows Engagement für die Kirchengemeinde in den höchsten Tönen, was sie denn doch dazu bewegte, mit ihm Milde walten zu lassen. Als Pfarrer Karl Domsch in Rente ging, ließ er sich in Gelsenkirchen nieder und lud Hertha Brunow zu einem Besuch ein, was sie sehr gern annahm.
Elfriede Müller kam zu jedem Gottesdienst aus Kriele und spielte auf dem alten Klavier in der Gaststube die Liturgie und die Gemeindelieder. Betty Ast sang mit Leidenschaft, denn sie hatte eine schöne Stimme. Ihr Lieblingslied war „So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig` Ende und ewiglich“ nach der Melodie von Friedrich Silcher. Sie war zwölf Jahre jünger als ihr Mann Karl. Die Astens hatten einen Kredit aufgenommen und ein kleines Häuschen in der Parkstraße für ihren Sohn gekauft. Es war damals schwer, den Kredit abzuzahlen. Als Betty Ast bei einer Geburtstagsrunde bei Hertha Brunow saß, meinte sie: “In zehn Jahren werden wir den Kredit für das Häuschen abgezahlt haben. Schade, dass Karl das nicht mehr erleben wird.“ Karl Ast war ja sehr viel älter und schon etwas kränklich. Doch Gottes Wege sind anders, als die Menschen denken. Betty bekam Darmkrebs und starb nach ihrem 70. Geburtstag, während Karl über 90 Jahre alt wurde und hoch betagt in einem Rathenower Altenheim starb.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.05.2017


 

Die Carmen von Landin

Hertha Victoria Elisabeth Brunow (*03.01.1904 in Berlin - † 20.07.1983 in Landin) wuchs mit ihren Eltern in Berlin in der Holzmarktstraße auf. Der Vater Arnold Emil Gustav Brunow stammte aus Landin und war Straßenbahnfahrer in Berlin. Er hatte sich seine Frau Anna Pauline Luise Brunow, geborene Muchow, aus Landin geholt. Die frühesten Erinnerungen von Hertha Brunow waren der Besuch der Kaiserlichen Paraden in Berlin, wo die Eltern sie hochhoben, damit sie den Kaiser Wilhelm II. sehen konnte. So ist es nicht verwunderlich, dass sie bis an ihr Lebensende eine Verehrung für das Kaiserreich in sich trug. Die Schule besuchte sie mit ihren Freundinnen Charlotte Jungnickel und Margarethe Brunow in Berlin. Die Freundinnen trafen sich auch später, so oft es ging in Landin. Natürlich verbrachte Hertha ihre Ferien regelmäßig in Landin bei dem Großvater Ferdinand Muchow, der ein Restaurant und eine kleine Bauernwirtschaft mit seiner Frau betrieb. Es stand über dem Haus „Gasthaus zur Erholung von Ferdinand Muchow.“
Es gab großartige Feste im Saal der Gastwirtschaft und im Sommer natürlich unter den alten Bäumen an der Straße, die von Rathenow nach Friesack führte. Dort wurden Zelte aufgebaut und man schwelgte bei Bier und Braten bis zum frühen Morgen. Es sind die schönsten Jugenderinnerungen, die sich bei Hertha Brunow mit Landin verbanden.

Hertha Brunow besaß Brillantschmuck und trug ihn auch. Kostbare Ohrringe und Broschen, dazu manch edler Ring, den ihre Hände zierten, brachten ihr den Namen „die Carmen von Landin“ ein. Natürlich gab es auch eine Jugendliebe. Die wohnte aber ausgerechnet in Cochstedt im Harz und ehe die zwei zusammenkommen konnten, kam der Krieg (1939 -1945), der eine Zäsur im Leben von Hertha Brunow darstellte. Ihr Freund fiel in den ersten Kriegstagen und ihre Wohnung in Berlin in der Holzmarktstraße 10 wurde durch den Krieg zerstört, sodass die ganze Familie in Landin Zuflucht nehmen musste. Betty und Max Ebel aus Rathenow kamen nach Kriegsende noch dazu, denn auch sie verloren ihr Haus in den Nachkriegswirren. Max Ebel hieß eigentlich Max Fick, hatte aber, als er heiratete, seinen Namen ändern lassen. Nach 1945 betrieb Hertha Brunow die Gaststätte von ihrem Onkel Max Muchow mit ihren Tanten weiter in sehr bescheidenem Umfang. Es gab einen kleinen Laden und sie war Leiterin einer kleinen Sparkassenagentur. Als der Onkel Max Muchow starb, wurde die Landwirtschaft, die sowieso an die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft gefallen war, eingestellt.

Hertha Brunow war in Ermangelung derer von Bredows, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Teil von Deutschland emigriert waren, „die Grande Dame von Landin“ und stellte eine Institution dar, an der man unschwer vorbeikam. Die Gaststätte blieb aber lange Zeit die Domäne der Tanten und ihrer Nichte Hertha. Alle Tanten starben kinderlos und setzten Hertha Brunow als Erbin ein. Sie hatte immer guten Kontakt zu ihren Hausärzten gehalten. Der Dr. Ludewig und der Medizinalrat Rolf Zimmermann (Ärztliche Direktor des Paracelsus-Krankenhauses in Rathenow) wurden zu Freunden. Ein entfernter Verwandter Heinz-Walter Knackmuß besuchte sie ab und an mit seinem Vater. Sie kamen aus Semlin mit dem Fahrrad angeradelt und es entspann sich eine engere Bindung. Als dann Heinz-Walter Knackmuß von 1964 - 1970 Humanmedizin in Berlin studierte, wurden die Bande noch intensiver. Als er später Kreishygienearzt in Rathenow war, kam er oft nach Landin und spielte mit den Damen Karten. Auch wurden gemeinsame Reisen nach Berlin, zur Kyritzer Insel und in die nähere und weitere Umgebung unternommen. Hertha Brunow war aber auch in der Kirchengemeinde von Landin engagiert und pflegte mit allen Pfarrern intensive Beziehungen. Die Arbeit der Pfarrer wurde sehr kritisch beurteilt und es fehlte nicht an guten Ratschlägen gegen den atheistischen Staat, der im Umgang mit Christen doch manchmal recht rigoros verfuhr. Hertha Brunow hielt mit den Menschen in Landin guten Kontakt. Der Laden, die Gaststätte und die Sparkassenagentur brachten genug Berührungspunkte mit vielen Menschen. Der Garten war in Notzeiten eine wichtige Nahrungsquelle. Die Birnen, Äpfel und Pflaumen, die Johannesbeeren, die Kartoffeln und Zwiebeln wurden geerntet und eingelagert. Hertha Brunow und ihre Tanten weckten die Früchte aus dem Garten ein und schlachteten die Gänse und weckte Gänsekeulen ein. Der Garten war fruchtbar, denn man hatte einige Wagen Lehm zu dem Sandboden gebracht, was den Boden sehr verbesserte. Vor Weihnachten warf der Förster Hans Babucke ihr einen Tannenbaum auf den Hof. Die Geburtstage wurden groß mit den Nachbarn und Verwandten gefeiert, meistens in der Gaststube, die später auch zum Wohnzimmer umfunktioniert wurde. Hertha Brunow blieb als Einzige von der Großfamilie in dem Haus allein zurück und bemühte sich nach dem Tode ihrer Onkel und Tanten das Anwesen in Ordnung zu halten. Am 20.07.1983 starb sie in diesem Haus an einem Herzleiden. In ihrer Todesstunde betete sie aus dem berühmten Lied „Befiel Du Deine Wege“ von Paul Gerhardt, wo es im letzten Vers heißt: „Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit Deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.“

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.04.2017


 
 

Die offene Friedhofstür in Landin

Der Friedhof um die kleine Landiner Dorfkirche war immer gut gepflegt. Jeder wollte die Gräber seiner Lieben auf das Beste präsentieren, einmal, damit die Menschen sehen, wie sehr man den Verstorbenen geliebt hat und zum anderen gab es auch einen „sozialistischen Wettbewerb“ um das schönste Grab im Dorf. Nicht jeder hatte ein Händchen dafür oder einen grünen Daumen. Es gab auch einen Mangel an schönen Blumen und so säte man schon im Winter in Töpfen zu Hause aus, was dann einmal die Gräber schmücken sollte. Im Frühjahr und im Sommer war es schon eine Pracht, über den Friedhof zu gehen. Der Adel hatte da eine ganz andere Vorstellung. Auf den Gräbern wurde Efeu gepflanzt und so war das Grab das ganze Jahr über grün, was ja auch eine Art Schmuck ist. In der Lindenallee, die zur Kirche führte, gab es ein Schwirren und Summen, denn die Bienen holten sich den Nektar für den begehrten Lindenblütenhonig vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. In Landin hatte jeder nach dem Krieg (1939 -1945) Hühner. Wo es Eier und Fleisch nicht im Überfluss gab, war das einfach eine Notwendigkeit. Direkt am Friedhof wohnten Elfriede und Erich Rühle. Natürlich suchten die Rühleschen Hühner nicht nur auf dem Hof ihr Grün. Vor dem Gehöft war ja ein schönes Stück Rasen, das geradezu einlud, dort zu picken und zu scharren und wenn dann noch die Tür zum Friedhof offenstand, war das ideal für die Hühner. Sie suchten schnell mal auf dem Friedhof in den Gräbern, ob da nicht ein Käferchen zu finden war. Die Landiner ärgerten sich darüber. Denn kaum hatten sie ihre Kunstwerke auf den Gräbern fertig und alles schön geharkt, kamen die Hühner und scharrten auf dem Friedhof, sodass alle Pracht perdu war. Es wurde also angeordnet, dass die Tür zum Friedhof ständig zu schließen sei und wehe, wenn einer doch mal die Tür offenstehen ließ. Das gab böse Auseinandersetzungen. Aber die Hühner waren ja nicht dumm. Sie flogen in die Bäume, die direkt am Zaun zum Friedhof auf dem Rühleschen Hof standen und erreichten so ihr Ziel auch. Das gab wieder neuen Zank um die Hühner von Elfriede und Erich Rühle. Die Rühles mussten versprechen, die Flügel der Hühner zu stutzen, damit sie nicht mehr über den Zaun fliegen konnten. Ob das den Hühnern gefallen hat, weiß ich nicht, aber der dörfliche Friede war so wiederhergestellt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 04.03.2017


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