Förderverein zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e.V.

Geschichten aus Landin  -  Teil 6  (2022)

Hier werden nach und nach Anekdoten aus dem Dorfleben, Geschichten aus früheren Tagen und Erlebnisberichte von Bewohnern und Freunden von Landin veröffentlicht.

Wenn Sie eine eigene Geschichte beisteuern wollen, melden Sie sich bitte beim Förderverein. Wir freuen uns über neue Beiträge!


 

Die Pusteblume

Carmen von Waldow und Wilhelm Brunow

Paul Brunow und Elisabeth Brunow aus Landin hatten zwei Söhne, Arnold und Ernst Wilhelm. Arnold war Kutscher geworden, denn er hatte ein Händchen für Pferde. Er ging als junger Mann nach Berlin und führte die Pferde der Pferdebahn. Als die Pferde nach und nach durch Elektrostraßenbahnen ersetzt wurden, war es ihm ein Leichtes als Straßenbahnfahrer zu arbeiten. Auch die Straßenbahnen wollten einfühlsam durch den Großstadtverkehr gesteuert werden. Wilhelm hatte sich dem Militär verschrieben und schlug eine Offizierslaufbahn bei der Kaiserlichen Armee ein.

Paul und Elisabeth Brunow

Auf einem Offiziersball in Bromberg lernte er Carmen von Waldow kennen. Beiden war sofort klar, dass sie die Liebe fürs Leben gefunden hatten. Carmen Betty Luise Emilie von Waldow war am 23.08.1890 in Jagenow, Bezirk Bellgard in Hinterpommern, geboren worden. Ihre Eltern Hermann Ernst Emil von Waldow (*13.10.1858 in Steinberg - † 02.08.1945 in Deutsch Krone) und Betty Maria Ferdinande von Waldow, geborene Lange, bewirtschfteten viele Gutshöfe unter anderem auch in Szczepankow. Der Stammsitz war aber in Deutsch Krone in der preußischen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen. Carmen von Waldow war weit und breit die schönste Frau und Wilhelm Brunow war ein schneidiger Offizier, der die Augen aller jungen Mädchen auf sich zog, wo immer er erschien. So wurde nach einer kurzen Verlobungszeit der Hochzeitstermin für Carmen von Waldow und Wilhelm Brunow für Freitag den 07.08.1908 im Herrenhaus Szczepankow, Kreis Sampter, in der preußischen Provinz Posen festgelegt.

Hochzeit im Herrenhaus Szczepankow 1908

Carmen hatte noch zwei jüngere Brüder Claus Ferdinand Paul Hermann und Ulrich von Waldow. Die Flitterwochen verlebten sie beide auf dem Gut und machten täglich Ausritte in die waldreiche Umgebung. Sie waren verliebt und sahen die Zukunft rosig.

Carmen von Waldow

Carmen war glücklich. Ihr Schwager, Arnold Brunow und seine Frau Anna besuchten die Familie von Waldow oft in Szczepankow und es waren überaus harmonische Tage, die alle dort verlebten. Hertha Brunow und ihre Mutter Anna Brunow schwärmten ihr ganz Leben lang von dem Glanz, den der Besuch im Gutshaus der von Waldows auf sie gemacht hatte. Tante Carmen hatte einen bleibenden Eindruck auf ihre Nichte Hertha Brunow gemacht.

Ausritt durch die Wälder

Wilhelm versah seinen Dienst in der Kaserne und es gab genug Arbeit im Gutsbetrieb der von Waldows, sodass kaum Freiraum für andere Aufgaben bestand. Es waren die schönsten Jahre im Leben des jungen Paares.

Ende 1914 musste Wilhelm Brunow als Offizier nach Kamerun gehen. Er bat seine Frau mit ihm zu kommen, aber Carmen sagte: „Ich bin dafür nicht geeignet.“ Carmen versuchte ihren Mann noch umzustimmen und versprach ihre Kontakte im Kaiserlichen Kriegsministerium zu nutzen, um eine Entsendung nach Kamerun zu verhindern. Aber ihr Mann war mit Leib und Seele Offizier. Er wollte sich darauf nicht einlassen. Seine Frau schrieb ihm nach Kamerun lange Briefe und bat ihn immer wieder zurückzukommen, aber Wilhelm blieb in Kamerun. Carmen hielt guten Kontakt zu ihrem Schwager Arnold und seiner Frau Anna in Berlin und zu den Schwiegereltern in Landin.

Carmen und Wilhelm auf einem Ausflug

Sie wollte nicht immer nur auf ihren Mann warten müssen. Als sie sich in einen andere Mann verliebte, reichte sie die Scheidung ein. Wilhelm Brunow hatte die Scheidung nach langem Hin und Her akzeptiert und heiratete ein paar Jahren später eine junge Frau aus Berlin, Margarethe Brunow, die er schon lange kannte, denn es war die Freundin seiner Nichte Hertha Brunow. 1916 kehrte er gesund aus Kamerun für immer zurück. Margarethe war verzaubert von ihrem Mann und sie fand später, das es die besten Jahre ihres Lebens waren. Margarethe und Wilhelm Brunow blieben in Berlin. Wilhelm arbeitete im Kriegsministerium, obwohl er immer Sehnsucht nach Afrika hatte. Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, war Wilhelm Brunow zunächst auf allen Kriegsschauplätzen in Europa, ging aber 1941 mit dem Großverband der deutschen Wehrmacht nach Ägypten. Dort verliert sich seine Spur. Margarethe Brunow hörte nie wieder von ihm. Er galt als verschollen.

Claus von Waldow 1917

Carmen von Waldow trauerte der Liebe ihres Lebens nicht lange nach. Sie war eine lebenlustige Frau, die immer Modellschuhe der Größe 34 des Schuhhauses „Leiser“ mit sehr hohen Absätzen trug. Sie heiratete Günther Wendt, der einen Bauernhof in Klosterdorf bei Strausberg in der Nähe von Berlin hatte und ein leidenschaftlicher Nazi und Hitlerverehrer war. Er fiel im Zweiten Weltkrieg. Carmen Wendt war ebenso fanatisch dem Naziregime zugetan und verkehrte in hohen Kreisen des Militärs. Sie brillierte bei vielen Festen als vollendete Gastgeberin und war in jeder Gesellschaft der Mittelpunkt mit ihrer Eleganz und ihrem Charme. Die von Waldows hatte sich von ihr entfernt, weil man das Nazi-Regime nicht mochte. Nach 1945 lebte sie allein in Berlin. Die Kontakte, die durch den Fanatismus für die Nazis zur Familie von Waldow erkaltet waren, belebte sie wieder. Carmen Wendt hatte aber eine bequeme Art gefunden, durch das Leben zu kommen. Sie reiste von einem Gut zum anderen, wo sie die Verwandten bat, die Kosten der Fahrkarte für die Weiterreise zu den nächsten Verwandten zu übernehmen. Sie hatte ein angenehmens Wesen und alle erinnerten sich gern an Tante Mau, wie sie von der Familie genannt wurde. Ansonsten hatte sie nur Umgang mit Generälen und Militärs in gehobenen Grad und bekam sogar 1954 beim ersten Staatsbesuch eines ausländischen Oberhauptes in der Bundesrepublik Deutschland von Kaiser Haile Selassie eine Einladung nach Adis Abeba und wohnte mehrere Wochen im Kaiserpalst in Äthopien.

Äthiopischer Kaiser Haile Selassie
(*23.07.1892 – † 27.08.1975)

Sie hatte in jungen Jahren einen Reitunfall gehabt und wurde mehrere Meter weit von ihrem Pferd auf dem Boden entlang geschleift, wobei die gesamte Kopfhaut verletzt wurde. Nach dem Reitunfall hatte sie nur noch sehr spährlichen Haarwuchs auf ihrem Kopf, sodass sie die Familie die „Pusteblume“ nannte. Sie hat nie gearbeitet, wie es damals auch üblich war. Ihr Bruder, Claus Ferdinand Paul Hermann von Waldow, war schon 1917 einer der ersten Piloten im Deutschen Reich und besuchte sie auch manchmal. Der älteste Sohn von Claus von Waldow, Hermann von Waldow hatte Ingrid Wolff geheiratet und lebte mit seiner Frau auf Fehmarn. Die Eltern der Ingrid Wolff waren vermögend und hatten einen kleinen Zeitungsverlag auf Fehmarn. Der Vater von Ingrid, Hans Wolff, war nach dem Zweiten Weltkrieg der Verleger des „Fehmarnschen Tagesblattes“. Dort bei ihrem Neffen Hermann von Waldow fand sie Unterschlupf auf Burg und wohnte in einem kleinen Zimmer. Auf Fehmarn fühlte sie sich wohl. Dort empfing sie auch ihre Nichte Hertha Brunow aus Landin, denn die Bande nach Landin waren ja nie abgerissen. Sie korrespondierte mit ihren zahlreichen Verwandten und Freunden und empfing Besucher, solange es ihr gesundheitlich möglich war.

Carmen Wendt 1959 auf Fehmarn
von links: Nichte Gudrun, Cousine Frieda Apitsch, geborenen von Waldow, Carmen Wendt, Irmgard von Waldow

Sie wollte aber nicht immer allein sein und ging in eine Seniorenresidenz auf Fehmarn. Dort klagte sie sehr darüber, dass sie nur von alten Menschen umgeben war. Nach einem Sturz, bei dem sie sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog, wurde sie bettlägerig und starb am 16.03.1987 mit über 96 Jahren an einer Lungenentzündung. Sie war alt, aber noch nicht lebensmüde. Ihr Lebensmotto war: „Denk an die guten Jahre deines Lebens“. Und dieses Motto trug sie durch alle Widrigkeiten bis zu ihrem Tode. Sie war eine Lebenskünstlerin.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.05.2022

Ich danke Dietlinde von Waldow für ihre Unterstützung.


 

Das Osterfest in Landin

Das Osterfest in Landin war immer für die Menschen etwas Besonderes. Das Erwachen der Natur aus dem Winterschlaf erfreute alle und man konnte sich doch wieder mehr draußen aufhalten. Die Kälte, der Nebel und der winterliche Regen war vorbei. Die Bauern beackerten ihren Felder und die Kühe kamen auf die Weide. Um 1930 floss auch noch das Wasser eilig durch den Buchtgraben zum Havelländischen Hauptkanal. Die Mädchen gingen dann mit einem Wasserkrug zum Buchtgraben und holten vor Sonnenaufgang etwas Wasser. Sie durften dabei mit niemanden sprechen. Wenn sie sich damit wuschen, sollten sie noch schöner werden. Wenn sie nur ein Wort bei diesem Gang sprachen war der Zauber verwirkt.

Bei der Familie von Bredow im Schloss war Ostern ein Fest, bei dem sich die ganze Familie traf und natürlich waren auch regelmäßig Verwandte zu Gast, die von den Bredows eingeladen wurden. Auf die Küchen-Mamsell und ihren Beiköchinnen kam da viel Arbeit zu, aber sie liebte das Osterfest, denn es wurde die Festtafel gedeckt, das Silberbesteck mit dem Monogramm der von Bredows geputzt und es gab ein besonderes Menu. In jeder ordentlichen preußischen Adelsfamilie wurde das Zwiebelmusterporzellan aus Meißen benutzt. Es gab große Suppenterrinen, Suppenteller, flache Teller und Frühstücksteller und Schüsseln in jeder Größe bis zu den Kompottschälchen.

Teegedeck, Meissener Porzellan

Das Porzellan fand ziemlich spät Zugang zu den Palästen der Könige und des Adels. Man speiste bei Hofe von Gold- und Silbertellern, wie wir das aus dem Märchen von Dornröschen kennen, wo der König einen goldenen Teller zu wenig hatte und die eine Fee deshalb nicht einladen konnte. Den Einzug machte das Porzellan an den Fürstenhöfen in Europa mit dem Nachtisch, der auf Porzellantellern serviert wurde und durch diese Hintertür eroberte es nach und nach die ganze Festtafel. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte eine riesige Festtafel, wo alle Speisen aufgetragen standen. Es gab zum Beispiel acht verschiedene Suppen, die auf der Tafel standen. Man aß von allen Dingen, auf die man Appetit hatte und die Diener taten den Mitgliedern der königlichen Familie und ihren Gästen auf, was sie verlangten. Der Gesandte des russischen Zaren in Paris lud natürlich auch zum Essen ein, und da gab es plötzlich eine Suppe als Vorspeise, danach eine Pastete, es folgte ein Fischgericht und so gab es bis zu 20 Gängen, die bei einer Gala in kleinen Schalen oder auf Tellern nacheinander aufgetragen wurde. Das war für den Adel in Frankreich völlig neu und man winkte verächtlich ab und nannte es „Menu à la russe.“ Aber dieses „Menu à la russe“ setzte sich doch im Laufe der Jahre durch und heute gibt es fast bei allen Staatsempfängen und Festessen ein „Menu à la russe.“

Obstschale, Meissener Porzellan

Der König von Preußen, Friederich II. wollte selbstverständlich eine eigene Porzellanmanufaktur haben und so erteilte er 1751 den Auftrag an den Kaufmann und Wollfabrikanten Wilhelm Caspar Wegely die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) zu errichten und 1763 wurde dort das erste Porzellan hergestellt. Jede adlige Familie in Preußen wurde vom König gezwungen, ein Service pro Jahr dort in Auftrag zu geben. So fand sich natürlich auch KPM-Porzellan auf den Tafeln der Bredows im Havelland.

In Landin gab es neben allerlei Ostergebäck und den bunten Eiern ein immer gleiches Menu, das nach dem Gottesdienst in der Dorfkirche Landin im Speisesaal des Schlosses serviert wurde. Zum Beginn gab es eine Kartoffelsuppe, die die Küchen-Mamsell mit kleinen knusprig gebratenen Speckscheiben und gerösteten Zwiebeln und in der Mitte ein pochiertes Ei servieren ließ. Dann folgte ein Kressesalat. Die Mamsell säte die Kresse in großen Schalen rechtzeitig aus und stellte sie auf die Fensterbänke der Küche und freute sich, dass zum Heiligen Osterfest alles geerntet werden konnte. Dann folgte das Hauptgericht mit gebratenem Lamm und Kartoffelsalat. Diesen Kartoffelsalat gab es nur zu Ostern einmal im Jahr. Sie kochte die Kartoffeln und schnitt sie in kleine viereckige Würfel. Sie machte auch eine gekochte und in Würfel geschnittene Sellerieknolle sowie kleine gekochte Möhrensplitter an den Kartoffelsalat. Die Möhren gaben dem Kartoffelsalat etwas Buntes. Aber das Geheimrezept war die Mayonnaise, die sie selbst aus Eiern, Essig, Öl, Salz, Pfeffer und Zucker herstellte. Zu Ostern gab sie etwas Safran dazu, was den Geschmack sehr verfeinerte und den ganzen Salat gelb einfärbte. Als Beilage hatte die Köchin aus dem eigenen Sauerkraut ein feines Weinsauerkraut gekocht, das sie mit dem Saft von roter Beete wenig einfärbte. Aus der Fleischbrühe vom Lamm machte sie eine Rotweinsoße mit Butter, Zwiebeln, Honig und Rosmarin. Als Nachtisch wurde Rote Grütze mit Vanillesoße gereicht, die sie in großen Schüsseln aus dem eingeweckten Beeren und Kirschen kochte und Milch war ja sowieso immer da. Der Hausherr rückte auch zum Osterfest seine besten Rotweine heraus. Alle Bewohner im Schloss freuten sich schon auf diese traditionelle Mahlzeit und lobten die Küchen-Mamsell jedes Jahr aufs Neue. Den Safran hielt sie streng unter Verschluss. Er war die teuerste Zutat zu den Speisen, die sie bereitete.

Nach dem Essen wurde ein Mokka getrunken und die Kinder machten sich zum Eiertrudeln auf zum Teufelsberg. Wer wollte, konnte auch einen Ausritt durch die Wälder und Waldwege wagen. Die Stallburschen standen am Ostersonntag bereit für die Gastgeber und ihre Besucher. Am Ostermontag hatten sie nach dem Mittagessen frei. Die Alten machten auch ein Mittagsschläfchen, aber zum Tee um 17:00 Uhr fanden sich alle wieder ein und probierten den Kuchen, den Mamsell zum Osterfest gebacken hatte. Dann wurden Spiele gemacht und auch Karten gespielt bis das Fest mit einem Abendessen ausklang.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.04.2022


 

Der Wadenbeißer von Landin

Ferdinand Rabe war ein Bauer von Landin, der als vermögend galt. Sein schöner Hof lag 1885 im Zentrum des Dorfes. Er hatte sieben Söhne. Als die Söhne herangewachsen waren, rief der Vater sie zu sich und präsentierte ihnen ein Bündel mit sieben Holzstöcken, die er fest verschnürt hatte. Er forderte seine erwachsenen Söhne auf, das Bündel zu durchbrechen. Keiner schaffte es. Da sagte der Vater: „Es ist ganz einfach.“ Er schnürte das Bündel auf und zerbrach jeden Stab einzeln. „Wenn ihr zusammenhaltet, seid ihr stark,“ so sagte der Vater. Aber die Hoffnung des Vaters, dass alle Kinder in Landin bleiben sollten, ging nicht auf. Bis auf den ältesten Sohn, der den Hof erbte, heirateten alle Frauen aus anderen Dörfern und zogen fort. Ferdinand Rabes Frau Else war vorgealtert und wankte unsicher hin und her. Wenn sie mit dem Fahrrad durch das Dorf fuhr, rief sie schon von weitem: “Platz! Platz!“ Sie war sehr dünn und immer in schwarz gekleidet und die Menschen riefen: „Jetzt kommt Gevatter Tod,“ wenn sie durch das Dorf radelte.

Video

Ferdinand Rabe war ein ängstlicher und vorsichtiger Mann und hatte einen scharfen Hund angeschafft, der die Menschen schon im halben Dorf gebissen hatte. Es kam ja kaum ein Dieb nach Landin, aber der Reichtum, den Ferdinand Rabe angesammelt hatte, machte ihn misstrauisch gegen alle anderen. Ferdinand Rabe lobte seinen Hund, wenn er jemand gebissen hatte und freute sich sehr darüber, dass er einen so wachsamen Hausgenossen bei sich hatte. Wenn er von seinem Hund Arko sprach, leuchteten seine Augen. Als der Postbote eines Tages einen Brief zu überbringen hatte, kam Arko mit fletschenden Zähnen angerannt und wollte ihn beißen, aber der königliche Postbote Otto Seiffert war kein Mensch, der sich schnell in die Flucht schlagen ließ. Er ergriff eine Forke, die auf dem Hof stand und versuchte den Hund damit abzuwehren. Aber Arko war ein mutiges Tier und ließ sich durch die Forke nicht einschüchtern. Er lief um den königlichen Postboten herum und versuchte immer wieder, ihn zu beißen. Da stach Otto Seiffert so fest zu wie er konnte und tötete den Hund.

Ferdinand Rabe war erbost und sehr aufgebracht. Er zeigte den Postboten an und verlangte Schadenersatz. Der treue Wächter seines Hauses stellte für ihn einen hohen Wert dar. Er verlangte für den Hund 50,00 Goldmark (891,00 €) vom Postboten Otto Seiffert. Der Postbote weigerte sich, die Summe zu bezahlen und so landete der Fall vor dem Königlichen Amtsgericht in Rathenow, wo Postbote und Bauer nun gehört wurden. Den Vorsitz im Amtsgericht führte der Richter Wedigo von Amselbach und war von der Darstellung des Bauern Ferdinand Rabe sehr angetan. Ein wachsamer Hofhund war auch für ihn eine Sache von unschätzbarem Wert. Der Königliche Amtsrichter war mit Hunden aufgewachsen und wollte gern dem Bauern helfen. So fragte er den Postboten: “Warum haben Sie denn den Hund nicht mit dem Forkenstiel abgewehrt? Das wäre doch ausreichend gewesen.“ „Ja,“ sagte Otto Seifert, „Herr Amtsrichter, ich hätte das schon mit dem Forkenstiel getan, wenn der Hund mich mit dem Schwanz angegriffen hätte, aber die Bestie benutzte ihre Zähne.“ Wedigo von Amselbach schmunzelte über diese Antwort und erkannte für Recht, dass der Postbote keinen Schadenersatz zu zahlen hätte, weil Leib und Leben akut bedroht worden seien.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.03.2022


 

Dorothea Wiedmaier findet eine neue Heimat in Landin

Dorothea Bossert (links) mit ihrer Schwester Lydia 1929 in Strassburg (Bessarabien)

Dorothea Bossert wurde am 12.04.1889 in Strassburg in Bessarabien geboren. Bessarabien liegt zwischen zwei Flüssen, Brut und Dnjestr, am nordwestlichen Ufer des Schwarzen Meeres. Strassburg lag 15 km südöstlich von der Stadt Akkerman an dem Flüsschen Alkalia, das 30 km südlich von Strassburg ins Schwarze Meer mündete. Der Vater, Jakob Bossert, hatte eine Tischlerei und die Mutter, Dorothea Bossert, geborene Treichel, war Hausfrau. Dorothea und Jakob Bossert hatte elf Kinder und wohnte in einem mit Schilf gedeckten Haus. Als ihr Vater starb, wurde er vor dem Haus in einen Sarg offen aufgebahrt. Alle Mitglieder der Familie versammelten sich um den Sarg vor dem Haus.

Großvater Jakob Bossert vor dem Wohnhaus der Familie Bossert in Strassburg (Bessarabien)

Die Tochter Dorothea Bossert heiratete in Strassburg den Tischler Johann Wiedmaier. Dem Ehepaar wurden elf Kinder geschenkt. Fünf Kinder starben aber schon früh an Kinderkrankheiten und anderen Infektionen. Die sechs überlebenden Kinder waren:

  1.  Anna Maier, geboren Wiedmaier (*29.11.1919 - † 29.04.2020)
  2.  Arthur Wiedmaier (*04.04.1922 – †21.02.2017)
  3.  Friedrich Wiedmaier (*09.09.1924 – †16.12.2016)
  4.  Hugo Wiedmaier (*05.01.1928 – † 05.08.2010)
  5.  Leonide Wellhausen, geborene Wiedmaier (*06.04.1930 – †13.02.1999)
  6.  Pauline Reschke, geborene Wiedmaier (*19.05.1935 – †14.07.2019)

Bessarabien gehörte bis 1940 zu Rumänien

Der Landstrich Bessarabien hat seinen Namen vom Walachischen Fürstenhaus Besarab. Nach dem Aussterben des ungarischen Herrschergeschlechts der Árpáden nutze 1301 der Fürst Besarab I. die Chance ein eigenes Fürstentum, die Walachai (Rumänien), zu gründen, das von den Südkarpaten bis zum Schwarzen Meer reichte. Bessarabien war immer ein Zankapfel zwischen Russland, Österreich und der Türkei. 1812 trat das Fürstentum Moldau Bessarabien an Russland ab und nun gehörte das Gebiet als Gouvernement Bessarabien zum Russischen Zarenreich. Zar Alexander I. von Russland holte 1813 deutsche Kolonisten ins Land, die als selbstständige Landwirte auf eigenem Land leben durften und große Privilegien erhielten. 9000 eingewanderte Personen wohnten in 24 Kolonien. Die Kolonien wuchsen in den folgenden Jahren auf 150 Orte mit 93000 Menschen an. Die Hauptstadt von Bessarabien ist Kischinew. Die meisten Deutschen lebten um die Stadt Akkerman herum. Dorothea Wiedmaiers Vorfahren kamen als Einwanderer aus Schwaben nach Bessarabien. Als deutsche Kolonisten haben sie trotz großer Mühsal und Entbehrungen das Land urbar gemacht und gemeinsam mit den anderen Einwanderern im Laufe der Zeit die Kultur dort geprägt. Die Familien hatten viele Kinder und führten ein einfaches, naturverbundenes und religiöses Leben. Strassburg war ein größeres Dorf. Hier gab es sogar eine Schule. Die Kinder gingen am Vormittag zur Schule und am Nachmittag mussten sie den Eltern in der Landwirtschaft helfen. Jede Hand wurde gebraucht. Ob Sommer oder Winter, es gab immer Arbeit in Hof, Stall, Garten oder auf dem Feld. Abends fielen sie todmüde ins Bett, selbst an den üblichen Gute-Nacht-Geschichten fand niemand mehr Interesse. Im Herbst begann die Weinlese, das Einmachen von Früchten, das Mosten und das Marmelade kochen. Im Winter dagegen blieb mehr Zeit für die Familie und besonders für die Kinder, es wurden Feste gefeiert und ein reges Vereinsleben gepflegt. Die vielen verschiedenen Familien lebten einträchtig miteinander und prägten auch die Sitten und Gebräuche der deutschen Siedler, die von 1814 bis 1940 Bessarabien als ihre Heimat annahmen. An den langen Winterabenden wurde viel gesungen, die Frauen und Mädchen schwatzten beim Handarbeiten, die Jungen tobten oder würfelten. Immer stand heißer Tee bereit und aus der Ofenröhre dufteten warmgehaltene Speisen. Die Kinder sehnten die Weihnachtszeit herbei und freuten sich auf das Christkind. Die Eltern und Großeltern und die größeren Kinder hatten mit den Vorbereitungen für das Festmahl der Großfamilie und den geladenen Gästen zu tun. Es wurde eine Gans und wenn möglich ein Schwein geschlachtet, Wurst gemacht, Speck und Schinken in den Rauch gehängt und Fleisch gepökelt. Auch die Weihnachtsbäckerei kam nicht zu kurz. Dorothea Wiedmaier konnte ausgezeichnet backen. Noch viele Jahre später hat sie ihren Enkelkindern „Ausstecherla, Pfeffernüßla, Lebküchla, Duchgdrehte“ •gebacken und die köstlichsten Bonbons der Welt zubereitet. Die Enkelkinder durften die Karamelmilch rühren und beim Schneiden der gehärteten Zuckermasse helfen. Früher, so erzählte sie, wurden die „Zuckerla“ eingewickelt und bis Weihnachten in der guten Stube neben anderem Naschwerk und den Plätzchen aufbewahrt, um dann alles auf dem bunten Teller zu verteilen. Diese seltenen Süßigkeiten bereiteten den Kindern die größte Freude, bisweilen fanden sich unter dem Christbaum auch kleine Geschenke, Selbstgestricktes, Holzspielzeug oder eine Stoffpuppe. 1918 wurde Bessarabien kurzzeitig unabhängig, danach gehörte es zu Rumänien.

Gutschki Polen 1944

Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 sprach aber Bessarabien wieder der Sowjetunion zu und enthielt eine Klausel, dass alle Deutschen das Land zu verlassen hätten. So wurden ab 1940 die deutschstämmigen Bessarabier von den Nazis nach Polen umgesiedelt. So kamen Johann und Dorothea Wiedmaier nach Gutschki Kreis Warthbrücken im „Reichsgau“ Wartheland in Polen. Johann Wiedmaier erkannte die verbrecherische Absicht des Naziregimes sofort und meinte: „Wir sind für die Nazis Kanonenfutter.“ Ihren Weg nach Polen begleiteten Hunger, Krankheit und Tod. Viele Familien wurden auseinandergerissen. Nicht jeder überlebte diese Strapazen. Und es stand allen ein schwerer Neuanfang bevor.

Dorothea und Johann Wiedmaier

1945 musste die Familie ihren neuen Wohnort wieder verlassen und kam über Rhinow nach Landin. Dorothea Wiedmaier und ihr Mann Johann Wiedmaier wohnten mit ihren Kindern in ärmlichsten Verhältnissen im Wohnhaus für die Gutsarbeiter in Landin. Es ging in dieser Zeit um das Überleben. Als im September 1945 im Land Brandenburg die Bodenreform durchgeführt wurde, erhielten auch Johann und Dorothea Wiedmaier Land und die Gelegenheit ein Siedlungshaus in Landin in der Steinstr. 3 zu bauen. Direkt am Haus wurde der Stall angebaut, wie man das aus Bessarabien kannte. Aber für die Familie Wiedmaier war das auch Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie hatten wieder ein Ziel vor den Augen.

Dorothea Wiedmaier vor dem neu errichteten Haus - Landin, Steinstr. 3

Dorothea und Johann Wiedmaier musste zwar hart arbeiten, denn es war nicht leicht die achtköpfige Familie durchzubringen. Aber sie waren es gewöhnt, von früh bis spät auf den Beinen zu sein und die Kinder mussten im Stall und auf den Feldern und Wiesen immer mitarbeiten, das kannte man gar nicht anders. Die Kinder gingen natürlich in die Dorfschule und lernten tüchtig, was man so auf einer Dorfschule lernen kann.

So nach und nach verließen die Kinder das Haus. Leonide ging nach der Schule als Haushaltshilfe nach Nordrheinwestfalen und verliebte sich in einen jungen Mann. Seine Eltern wollten diese Verbindung nicht. Als sie schwanger wurde, trennte die Eltern ihren Sohn sofort von Leonide und schickten ihn weit fort, sodass Leonide nach Landin zurückkehrte und 09.09.1949 in Friesack ihre Tochter Renate zur Welt brachte. Die Großeltern Dorothea und Johann Wiedmaier freuten sich über die Enkelin und zogen sie mit viel Liebe auf. Ihr Motto war: Alle Kinder, wie sie kommen, sind willkommen. Und so konnte Leonide Wiedmaier ohne Sorge ihre Ausbildung als Kindergärtnerin in Schmalkalden absolvieren und kam nur an den Wochenenden nach Hause.

Kindergartenausbildung in Schmalkalden, Leonide Wiedmaier 1. Reihe 3. von links

Bei einem Familientreffen lernte Leonide Wiedmaier 1952 ihren zukünftigen Ehemann kennen. Die Familie lebte von 1956 -1961 in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge.

Als Johann Wiedmaier am 21.11.1957 an Krebs starb, war seine Frau Dorothea schon im Rentenalter und beschloss zu ihrer Tochter Leonide nach Johanngeorgenstadt zu gehen. Die anderen Kinder Anna, Pauline, Fritz und Hugo gingen 1957 in den Westen. Ihr Sohn Arthur Wiedmaier lebte mit seiner Frau Christel noch bis 1960 in Landin in dem Siedlungshaus. Christel Wiedmaier war auch zeitweise Bürgermeisterin von Landin.

Siedlungshaus von Dorothea und Johann Wiedmaier 2021

Mit dem Umzug Leonides und deren Familie 1961 nach Berlin wurde auch Dorothea Wiedmaier Berlinerin. Sie fühlte sich ihrem Landin etwas näher und genoss die Ausflüge dorthin. Dorothea Wiedmaier beaufsichtigte, umsorgte und bekochte die Enkelkinder, während die berufstätigen Eltern außer Haus waren. Sie war schon über 70 Jahre alt, als sie nach Berlin kam und übernahm doch einen Großteil des Haushalts. Sie wurde die Chefin in der Küche. Während ihre Tochter arbeitete, verwöhnte sie die Enkelkinder täglich nach der Schule mit feinen, außergewöhnlichen Gerichten, die auch den Schulfreunden sehr mundeten und schon wegen ihrer Fremdartigkeit ihren besonderen Reiz für alle hatten. Ein herrlicher Duft empfing die Kinder, wenn sie die Wohnung betraten. Dorothea Wiedmaier erwartete die Enkel schon. Sie hatte ihre Schürze umgebunden und ein Geschirrtuch in den Händen und rief: „Schnell, schnell, damit das Essen nicht wird kalt“. Es gab Knöpfle und Kartoffelschnitz und andere köstliche Sachen.

Dorothea Wiedmaier mit Enkeln in Berlin 1963

Noch heute läuft den Enkeln das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an die Gerichte der Großmutter denken oder selbst zubereiten. Dorothea Wiedmaier hatte im Alter schlohweißes Haar, glatt zurückgestrichen und zu einem winzigen Dutt zusammengesteckt; hellbraune, offene Augen, ein liebevolles und gütiges Gesicht, das immer zartrosa leuchtete. Sie war eine kleine, lebhafte und freundliche Frau, in deren Nähe man sich einfach wohlfühlte. Das Leben hatte sie durch halb Europa nun nach Berlin geführt und ihr einen Schatz an Erfahrung und Lebensweisheit mitgegeben, den sie manchmal auch für ihre Enkelkinder öffnete.

Weil ihre Schwester Wilhelmine in einem Altenheim in der Schönhauser Allee lebte, ging sie 1972 gleichfalls dorthin. Sie bekam zwar reichlich Besuch, aber es war doch nicht die Familie, in der sie sich immer geborgen gefühlt hatte. So nahm sie 1973 das Angebot ihrer Tochter Anna Maier, geborenen Wiedmaier, an und zog zu ihr nach Vaihingen an der Enz in Baden-Württemberg. Am 27.08.1979 starb sie dort ganz ruhig im Schlaf mit 90 Jahren. So hatte sie sich das immer gewünscht. Sie hatte sich in Landin sehr wohl gefühlt. Durch ihre Herzlichkeit hatte sie bald enge Freundschaftsbande zu Ida Schill geknüpft. Zwölf aufregende Jahre durfte sie dort mit ihrem Mann Johann leben und einen Neuanfang nach dem furchtbaren Krieg wagen. Das war schön und für Dorothea Wiedmaier war es ein neues Glück in ihrem arbeitsreichen Leben.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.02.2022


 

Die Pest in Landin

Nachtwächter Franz Mewes

1670 gab es in Landin einen großen Streit um ein gutes Stück Ackerland, was einem Bauern Konrad Suhrbier in Kriele gehörte. Der Gutsherr von Landin hätte dem Bauern gern das Land abgekauft, aber der weigerte sich hartnäckig. Das viele Geld lockte ihn nicht, denn er war reich genug und wollte den guten Boden nicht aufgeben. Auch Strohmänner, die im Auftrag des Gutsherrn dem Bauern Unsummen boten, konnten Konrad Suhrbier nicht umstimmen. Das Land war nicht ganz eindeutig in den Besitz des Konrad Suhrbiers gekommen. Seine Frau Rosamunde hatte den wertvollen Acker mit in die Ehe gebracht und meinte dazu, dass die Besitzverhältnisse, so berichtete ihr der Vater, nicht ganz geklärt wären, weil eine Schwester und ihre Nachkommen auch ein Anrecht darauf hätten. Die Schwester hatte aber früh den armen Bauern Otto Barenthin aus Landin geheiratet und hätte aus Kostengründen es sich nie leisten können, ihr Erbrecht durchzusetzen. Ganz klar waren aber die Besitzverhältnisse nie gewesen. Der Vater hatte den Hof doch endlich an den ältesten Sohn gegeben, auch wenn er ihr immer Versprechungen gemacht hatte. Aber man tat das als Gefasel ab.
Nachdem die Gutsherrschaft auf ihren vielen Kaufwegen immer gescheitert war, wurde der Acker noch begehrlicher. Endlich boten sie dem armen Bauern Otto Barenthin viele Goldmünzen, wenn er ihnen den Acker verschaffen könnte. Otto Barenthin erhob also eine Klage beim Königlichen Amtsgericht in Rathenow und forderte den Acker für sich ein, da der Vater seiner Frau ihn ihr zugesagt hatte. Der Prozess zog sich über viele Jahre hin und konnte nicht zu einer eindeutigen Klärung führen. Da schwor Otto Barenthin einen Eid, dass der Acker ihm gehöre und das Gericht entschied zugunsten des Meineidigen. Der hatte daraufhin nichts Eiligeres zu tun, als den Acker an den Gutsherrn von Landin zu verkaufen. Der Gutsherr von Landin freute sich sehr und belohnte den Bauern fürstlich.

Otto Barenthin wurde aber seines Lebens nicht mehr froh. Das schlechte Gewissen plagte ihn Tag und Nacht. Schließlich bekam er eine entsetzliche Krankheit, die seinen ganzen Körper mit Geschwüren übersäte und er große Schmerzen ertragen musste. Als man ihn auf dem Kirchhof in Landin begraben hatte, fand seine Seele keine Ruhe. In dunklen stürmischen Nächten erschien seine Gestalt den Bewohnern von Landin und schrie und jammerte so sehr, dass sich alle Menschen furchtbar erschraken.
Der Nachtwächter Franz Mewes ging jede Nacht durch Landin und schaute nach Ordnung und Ruhe. Besonders wichtig war es für ihn, dass alle Lichter gelöscht wurden und kein Brand entstehen konnte. Für den Brandfall hatte er einen Kirchenschlüssel und konnte so die Glocke läuten, die die Bauern zum Löschen des Feuers herbeiholen sollte. Er hatte immer einen Kirchenschlüssel bei sich, denn er versah auch das Amt des Küsters in der Kirche. Als Franz Mewes in einer stürmischen Herbstnacht wieder seine Runde machte, war es ihm so, als würde er verfolgt.

Dorfkirche Landin

Der Geist von Otto Barenthin

Aber immer, wenn er sich umdrehte, konnte er niemand erkennen. Er hatte zwar eine Laterne bei sich, aber die leuchtete nur ein paar Meter im Umkreis. Schließlich hörte er eine Stimme, die rief: „Küster, schließ mir die Kirche auf!“ Zuerst tat er so, als hätte er nichts gehört, obwohl es ihn etwas gruselte. Aber als die Stimme immer wieder bat: „Küster schließ mir die Kirche auf,“ fasste er sich ein Herz und ging zur Kirche und schloss die Kirchentür auf. Er spürte auch, dass eine Gestalt in die Kirche schlüpfte, aber richtig sehen konnte er nichts. Dann hörte er wieder die Stimme aus der Kirche: „Du hast mich erlöst. Ich will Dir zum Dank sagen, dass die Pest nach Landin kommen wird, aber Du und Deine Familie werden nicht sterben.“ Franz Mewes war kein schreckhafter Mensch, aber ganz geheuer war es ihm nicht. Er schloss die Kirchentür wieder zu und ging sofort nach Hause, wo er alles seiner Frau erzählte. Die meinte, das war der Geist von Otto Barenthin. Also war der Eid doch nicht richtig. Seitdem hat niemand mehr in Landin den Spuk wieder gesehen.

Als 1708-1711 eine Pestepidemie über Preußen kam, erließ der preußische König Friedrich I. am 14.11.1709 ein Gesetz, um die Pest zu bekämpfen. Die Wirtshäuser wurden geschlossen, das Tanzen untersagt und jeglicher Aufenthalt an Stätten der Unzucht verboten. Die Menschen wurden angehalten, in die Kirche zu gehen, der Predigt zu lauschen und Buße zu tun. Es wurden Reisebeschränkungen erlassen, wobei besonders streng darauf geachtet wurde, dass keine handelnden Juden von Ort zu Ort zogen. Die Juden wurden nicht direkt für die Pest verantwortlich gemacht, aber nach alter Tradition suchte man nach Sündenböcken. Erst einhundert Jahre später entdeckte man ein Bakterium, das die Pest verursachte und die Übertragungswege durch die Ratten und den Rattenfloh. Trotz der königlichen Anordnungen kam die Pest auch nach Landin. Das Dorf wurde fast entvölkert. Der Küster Franz Mewes musste fast täglich die Totenglocke läuten. Jedes Mal, wenn jemand im Dorf starb, wurde die Glocke geläutet. Manchmal läutete er die Glocke drei bis viermal am Tag. Der Küster Franz Mewes begrub viele Menschen, erkrankte aber selbst nicht, wie es ihm der Geist von Otto Barenthin vorausgesagt hatte. Seine Frau und all seine Kinder blieben auf wundersame Weise von der Seuche verschont.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.01.2022


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