Förderverein zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e.V.

Geschichten aus Landin  -  Teil 5  (2021)

Hier werden nach und nach Anekdoten aus dem Dorfleben, Geschichten aus früheren Tagen und Erlebnisberichte von Bewohnern und Freunden von Landin veröffentlicht.

Wenn Sie eine eigene Geschichte beisteuern wollen, melden Sie sich bitte beim Förderverein. Wir freuen uns über neue Beiträge!


 

Störche bringen Glück ins Haus

Die Störche kommen jedes Jahr im März ins Havelland und fliegen Ende August wieder in den Süden. Durch die Klimaerwärmung fliegen sie gar nicht mehr nach Afrika zurück, sondern überwintern in Spanien und kommen noch früher nach Deutschland. Sonja Dittrich dachte sich, die Störche müssten in Landin eigentlich genug Nahrung finden, denn es gibt den Landiner See und die Wiesen am Großen Havelländischen Hauptkanal. 2013 bat sie ihren Mann ein Rad auf einen Mast auf dem Dach zu befestigen, damit die Störche ein Nest darauf bauen können. Der NABU sagte: “Das wird sowieso nichts, gab aber gute fachliche Ratschläge.“
Und so entstand der Mast mit einem Wagenrad und Gert Dittrich wäre nicht Gert Dittrich, wenn er nicht gleich eine Kamera mitinstalliert hätte, damit man das Leben der eventuell kommenden Störche beobachten könnte. Aber das Frühjahr 2014 kam und es kam auch mal ein Storch und beschaute sich das Wagenrad, machte sich aber wieder auf den Weg nach Parey an der Havel, wo er seit Jahren mit seiner Frau ein Nest bewohnte. Entgegen allen Prognosen des NABU ließ sich dann aber doch ein Storchenpaar auf dem Wagenrad häuslich nieder und baute ein großes Nest.

Das war eine Freude für das ganze Dorf und Sonja Dittrich strahlte vor Stolz. Sie hatte sich nicht geirrt. Die Störche suchten solche Horste. Und die Störchin legte auch zwei Eier und brütete. Mit der Kamera verfolgte man das Geschehen auf dem Nest. Der NABU kam und beringte die zwei Störche. Es wurden für die zwei zu erwartenden Storchenkinder im ganzen Dorf Namen gesucht und es gab 33 Vorschläge, die in einen Storchenbriefkasten gesteckt werden konnten. Der Storchenbriefkasten befand sich an der Bushaltestelle und jeder Landiner war aufgerufen, bis zum 24.05.2014 seine Namensvorschläge dort einzustecken.

2 Eier im Storchennest

Unter den Namen waren Adam und Eva, Hänsel und Gretel, Karla und Marx, Pauline und Paulchen, Tristan und Isolde, Romeo und Julia und noch viele andere. Am 25.05.2014 gab es Wahlen für das Europäische Parlament und die Landiner hatten an dem Tag gleichzeitig über die 33 Namensvorschläge für die Storchenkinder abzustimmen. Die meisten Stimmen bekam aber der Namensvorschlag Landiner und Landinchen.

Doch es kommt, wie im richtigen Leben, immer anders als man denkt. Sei es nun, dass ein Marder, der auf dem Boden wohnte oder ein Waschbärenfamilie das Storchenehepaar störte. Zuerst entschwand der Storchenvater und drei Tage später auch seine Gattin. Sie kehrten nicht wieder zum Horst zurück. Das Gelege war nicht mehr zu retten. Und bis 2021 kamen jedes Jahr mal Storchenpaare und beschauten das Nest, aber keiner von den Störchen blieb in Landin. Doch Sonja Dittrich gibt nicht auf. Sie möchte, dass das Nest erhöht wird. Vielleicht findet ein Storch wieder den Weg nach Landin und kommt dann Jahr für Jahr zurück.

Die jungen Störche sammeln sich jedes Jahr vor dem Abflug ihrer Eltern gesondert auf den Wiesen und fliegen in den Süden. Die Eltern sammeln sich später und fliegen in eigenen Gruppen nach. Warum das so ist, weiß keiner. So gibt es viele Rätsel, die die Wissenschaftler noch aufzuklären haben.
Vor dem Zeitalter der sexuellen Aufklärung erklärten die Eltern ihren Kindern, der Storch hätte eine Frau ins Bein gebissen und nun sei sie schwanger. Sonja Dittrichs Hoffnungen sind nicht unberechtigt. Vielleicht kommt doch ein Storchenpaar wieder nach Landin und bringt den Landinern nicht nur die Kinder aus dem Landinder See, sondern auch das Glück ins Haus.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.12.2021


 

Eine Teestunde bei Romy Reschke in Landin

English

Romy Reschke, 9 Jahre alt

Romy Reschke wurde am 14.01.1963 in der Berliner Charité geboren. Ihr Vater, Waldemar Reschke, war Lehrer und später Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Ihre Mutter, Leonide Reschke, geborene Wiedmaier, arbeitete in der Verwaltung des Stadtbezirks Berlin-Mitte. Romy Reschke wuchs mit drei Geschwistern auf, Renate, Ralf, geboren in Päwesin und Ronald, geboren in Johanngeorgenstadt. Der Offiziersberuf des Vaters war mit öfteren Wohnortwechseln verbunden.

Von 1969 – 1978 besuchte sie die Polytechnische Oberschule „Friedrich Wolf“ in Berlin-Mitte in der Bergstraße und begann nach der 10. Klasse eine Ausbildung zur Werbekauffrau bei der Deutschen Werbeagentur in Berlin (DEWAG). Bei der DEWAG arbeitete sie in ihrem Beruf bis 1990. Romy Reschke heiratete am 30.06.1988 in Vitte auf Hiddensee den Werkzeugmacher Christian Reschke, geborener Triebel. Am 10.11.1988 wurde die Tochter Charlotte Dorothea und am 04.01.1990 die Tochter Luise Anne-Marie in Berlin geboren. Nach 1990 arbeitete sie in ABM und anderen kurzfristigen Beschäftigungsmaßnahmen. Erst 2007 konnte sie von ihrer Schwester Renate einen Teeladen im A-10-Center in Wildau übernehmen, in dem sie gemeinsam mit ihrem Mann arbeitete.

Teeladen an der A-10 in Wildau

Die Großeltern von Romy Reschke, Johann und Dorothea Wiedmaier, geborene Bossert, kamen aus der Nähe von Straßburg in Bessarabien und wurden von den Nazis nach Polen umgesiedelt, wo sie 1945 erneut fliehen mussten und so nach Landin kamen. Dort bauten sie ein Siedlungshaus in der Steinstraße 3 und wurden Neusiedler. Ein Sohn der Großeltern, Arthur Wiedmaier wohnte mit seiner Frau Christel in der Steinstr. 3 in Landin und Christel Wiedmaier war auch zeitweise Bürgermeisterin von Landin. Die beiden Onkel Hugo und Fritz Wiedmaier sowie die Tanten Anna und Paulina gingen 1957 in den Westen. Fritz Wiedmaier siedelte sich in Vaihingen an der Enz in Baden-Württemberg an und kam jedes Jahr einmal nach Ostberlin und besuchte mit Romy Landin. Romy fühlte sich in Landin immer zu Hause. 1991 kam Romy Reschke mit ihrem Mann nach Landin und räumte das Grundstück in der Steinstraße 3 auf und kaufte das Objekt 1992.

Die Instandsetzung des alten Siedlungshauses wäre zu teuer geworden, sodass Romy und Christian Reschke beschlossen, ein Fertighaus auf dem Grundstück zu bauen. Und so zog die Familie 2015 in ein EBK-Haus mit Energiespareffekt ein.

Siedlungshaus Steinstr. 3

Dänisches Fertigteilhaus

Romy und Christian Reschke auf der Bank vor ihrem Haus in Landin

Die Heizung wird über eine Luftwärmepumpe betrieben. In die Dorfgemeinschaft haben sich Romy und Christian Reschke schnell integriert. Bei den Landiner Dorffesten machen sie Spiele mit den Kindern und laden die Dorfkinder auch in die Steinstraße 3 ein, um mit ihnen zu feiern. Inzwischen ist Christian Reschke Rentner, aber der Teeladen in Wildau läuft mit zwei Angestellten noch immer auf Hochtouren und Romy hat alle Hände voll zu tun, um die Wünsche ihrer Teekunden zu erfüllen. Aber wenn sie frei hat und in Landin ist, dann sagt sie zu ihrem Mann: „Ich glaube, so fühlt sich das Glück an.“

Die Familie Reschke fühlt sich sehr wohl in dem neuen Haus mit dem weiten Blick über das Feld ins Dorf und auf den ehemaligen Schlosspark von Landin.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.11.2021


 

Die Gemeindeschwester von Landin

Martha Fellert hieß die Gemeindeschwester von Landin. Sie wohnte in Kriele und versorgte die Menschen in beiden Dörfern. Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenige Telefonanschlüsse in Landin und Kriele. Der Bürgermeister, die Post, der Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei und natürlich die Gemeindeschwester. Martha Fellert war examinierte Krankenschwester und hatte am Paracelsus-Krankenhaus in Rathenow eine zweijährige Zusatzausbildung mit dem Abschluss als Gemeindeschwester absolviert. Die Arbeit im Krankenhaus blieb ihr bis ins hohe Alter noch in lebendiger Erinnerung.

Die Ärzte am Paracelsus-Krankenhaus gingen am Vormittag ihrer Arbeit nach und einige unterrichteten nachmittags die angehenden Gemeindeschwestern in ihrem Fachgebiet. Die Schwestern mussten auch auf allen Stationen mitarbeiten. Sie machten die Äther-Narkosen und oft war es auch nötig, bei den Operationen als Assistentinnen einzuspringen, weil überall ein großer Ärztemangel herrschte. Einmal musste Schwester Martha einen vierjährigen Jungen betäuben und fragte ihn: „Kannst Du schon zählen?“ „Ja,“ sagte der Junge aber nur bis vier.“ „Na gut, dann üben wir das mal und wenn Du bei vier angekommen bist, fängst Du wieder von vorn an. Also 1,2,3,4 und dann wieder 1,2,3,4.“ Ich komme nachher mit der Maske zu Dir und dann zählen wir zusammen.“ Der Junge war damit einverstanden. Nach einer kurzen Pause kam Schwester Martha Fellert zurück und wollte mit der Äther-Narkose beginnen, da fragte sie der Junge: “Und wo ist Dein Holzhammer?“

Als sie auf der Frauenstation arbeitete, kam eine junge Frau mit einem Tumor im Unterbauch zur Operation. Der noch sehr unerfahrene Operateur und Schwester Martha als Assistentin operierten die Frau und als der Arzt die Bauchhaut durchtrennt hatte und die Gebärmutter betastete, entpuppte sich der Tumor als kleines menschliches Wesen, das in der Gebärmutter heranwuchs. Eilig nähte der Arzt die Bauchhaut wieder zu und die Mutter brachte nach drei Monaten ein gesundes Mädchen zur Welt.
Als sie in Kriele als Gemeindeschwester begann, fuhr sie natürlich mit ihrem Auto, einem kleinen Trabant, über die Dörfer und besuchte die chronisch Kranken, wo Blutdruck gemessen wurden und wenn es notwendig war, auch Rezepte überbracht wurden. Sie hatte immer ihre Tasche mit allen Sachen griffbereit und verabreichte die Spritzen, die von den Ärzten verordnet wurden. Jeden Tag hatte sie in Kriele von 8-9 Uhr Sprechstunde, wo die Patienten sie aufsuchten, um sich ihre verordneten Injektionen abzuholen. In dieser Zeit arbeitete ihre Kurzwelle auf Hochtouren, denn das gehörte auch zu ihren Aufgaben.

Haus der Gemeindeschwester Martha Fellert in Kriele

Einmal in der Woche war auch Arztsprechstunde, die sie betreute und den Arzt dann zu den Hausbesuchen begleitete. Auch die Mütterberatung mit dem Frauenarzt übernahm sie mit und auch wenn in der Kita der Arzt die Kinder untersuchte oder Schutzimpfungen durchführte. Einmal berichtete sie, waren alle Telefone gestört und ein Nachbar kam und holte sie zu einer Frau, die entbinden sollte. Als sie dort ankam, lag die Frau zwischen ihrem Mann und einem Arbeiter aus dem Rinderstall und hatte ihr Kind im Arm. Beide Männer waren erheblich angetrunken. Der Ehemann hatte die beiden Enden der Nabelschnur in der Hand, die er einfach zerrissen hatte und fragte lallend: “Habe ich das nicht gut gemacht?“ Schwester Martha Fellert versorgte die Durchtrennung der Nabelschnur fachmännisch und wartete auf die Nachgeburt, die auch endlich kam. Dann versorgte sie die Mutter und das Baby ordentlich und schmiss die beiden Männer aus dem Zimmer. Inzwischen war die Störung der Telefonanlage wieder behoben worden und ein Krankenwagen kam und brachte Mutter, Kind und Nachgeburt ins Paracelsus-Krankenhaus. Alle Wöchnerinnen wurden drei Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus von ihr besucht und sie half so gut es ging, den jungen Müttern mit der neuen Situation zurechtzukommen. Meist ergaben sich daraus tägliche Hausbesuche bis die Mutter alles allein besorgen konnte. Aber es entstand natürlich eine enge Bindung an die Menschen in den Gemeinden.

Im Anfang ihrer Tätigkeit wurde sie bei allen Notfällen gerufen. Gallenkoliken, Nierenkoliken, Blinddarmentzündungen, Nasenbluten oder ausgehakter Unterkiefer. Zuerst wandte man sich an die Gemeindeschwester. Eigentlich stand ihr Telefon Tag und Nacht nicht still. Erst später gab es einen ärztlichen Notfalldienst in der Nacht und sie konnte dann wenigstens nachts schlafen. Aber nicht immer klappte alles mit dem ärztlichen Notdienst und dann riefen die Leute doch bei der Gemeindeschwester an. Ein Schwangere hatte Schmerzen im Bauch bekommen und den Notarzt angerufen. Eine Dr. Dorothea Mayer aus Rathenow ließ sich aber auf einen Hausbesuch nicht ein und meinte, das habe Zeit bis zum nächsten Morgen, wo der Hausarzt Werner Röhricht aus Nennhausen dann vorbeikommen könnte. Also rief der besorgte Mann bei Schwester Martha Fellert an und bat sie um einen Hausbesuch. Da Schwester Martha die Familie gut kannte, wusste sie, dass es ernst war und fuhr sofort hin, untersuchte die im 6. Monat schwangere Frau und sagte: „Das sieht wie eine akute Blinddarmentzündung aus. Ich rufe von zu Haus die Frau Dr. Mayer selbst noch einmal an.“ Aber die selbstherrliche Ärztin ließ sich auf keinen Hausbesuch ein, sodass Schwester Martha die Frau kurzerhand in ihren Trabant lud und einfach ins Paracelsus-Krankenhaus nach Rathenow fuhr.

Schwester Marthas Trabant

Der Chirurg Dr. Wilhelm Grundmann bestätigte ihre Vermutung und operierte die Frau sofort. Am nächsten Tag besuchte der Ehemann seine Frau im Krankenhaus und Dr. Wilhelm Grundmann sagte zu ihm: “Da kaufen Sie mal für Ihre Gemeindeschwester den größten Karton mit Konfekt, den es gibt, denn sie hat Ihrer Frau und Ihrem Kind das Leben gerettet. Der Blinddarm stand kurz vor der Perforation (Platzen) und dann hätten wir kaum eine Chance gehabt.“

Bauer Günther Müller
 

Alte Narbe an der Hand

Der Bauer Günther Müller aus Kriele berichtete, wie er mit seiner linken Hand in eine Häckselmaschine kam und Schwester Martha seine Wunde klammerte, die auch gut verheilt ist. Die Gemeindeschwester Martha Fellert hatte nicht nur ein Gespür für die richtige Diagnose, sie kannte sich auch mit der Wundversorgung gut aus. Und über die Jahre war sie selbstständig und sicher geworden und die Menschen waren ihr immer wichtiger, als bürokratische Vorschriften.

Aber auch die Krebskranken, die zu Hause bis zu ihrem Tode gepflegt wurden, versorgte sie mit Morphiumspritzen, sodass sie weniger zu leiden hatten. Es waren ja fast immer alte Menschen, die dann ihre Hilfe brauchten. Die Alten halfen ja meist noch im Haushalt oder im Garten mit, wenn es körperlich möglich war. Arbeitslosigkeit war völlig unbekannt. Wer wollte, bekam immer eine neue Arbeit, auch die Faulpelze und Alkoholkranken. Für die Betriebsleiter war das auch nicht immer einfach. In den Orten, die sie zu versorgen hatte, wurde sie von den Menschen mit Respekt und Achtung behandelt, denn fast alle hatten schon einmal ihre Hilfe in Anspruch nehmen müssen und sie bekam durch ihre Arbeit auch Einblicke in die Familien, die sonst niemand hatte. Aber sie war verschwiegen und Tratsch und Klatsch waren ihr fremd. Irmgard Siewert erinnert sich noch an eine Mandelentzündung. Ihre Mutter schickte sie zu Schwester Martha Fellert in die Sprechstunde. Schwester Martha pinselte den Hals mit einer bitteren Jodlösung aus und nach drei Tagen war es besser.

Als die Gemeindeschwester älter wurde, bekam sie zunehmend Gelenkbeschwerden in den Knien und war froh, als sie das Rentenalter erreicht hatte. Sie fuhr sofort in den Westen und war geblendet von dem Wohlstand, in dem die meisten Menschen dort lebten. Da sie immer couragiert war, beschloss sie 1972 in die Bundesrepublik überzusiedeln und setzte das auch in die Tat um. Aber richtig Fuß fassen konnte sie dort nicht mehr. Die Wurzeln, die sie in Landin und Kriele geschlagen hatte, waren gekappt und sie starb einsam und verlassen in einem Seniorenheim.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.10.2021


 

Der Dorfpolizist von Landin

1949 richtete die DDR nach sowjetischem Vorbild eine Volkspolizei ein und warb junge Männer für den Dienst für die polizeilichen Aufgaben in den Städten und Gemeinden. Jeder Polizist bekam einen Bereich zugeteilt und nannte sich Abschnittsbevollmächtigter (ABV). Die Ausbildung war in den ersten Jahren sehr lückenhaft, verbesserte sich aber nach und nach. Die Volkspolizisten waren fast alle in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Meist bekleidete der ABV den Rang eines Unterleutnants oder eines Leutnants. Sie hießen im Volksmund wegen ihrer grünen Uniformen einfach „Die Grünen.“ In Landin war Georg Zimmermann zuständig für Diebstahl, Raub und Streitigkeiten der Nachbarn. Er wohnte mit seiner Frau Irmgard, in der Bergstraße 4.

Wohnhaus von Irmgard und Georg Zimmermann, Bergstr. 4
 

Schild am Haus Bergstr. 4

Er kontrollierte auch die Fahrradfahrer, wenn sie im Herbst ohne Licht von der Arbeit in Rhinsmühlen oder Rathenow kamen. Jeder wusste, dass er bei Dunkelheit den Dynamo einschalten musste und sein Fahrrad mit Licht zu fahren war. Aber der Dynamo erschwerte natürlich das Fahren, denn er erzeugte sein Licht über ein kleines Rad, das auf das Profil des Fahrradschlauches lief und eigentlich ein Hindernis war. Deshalb fuhren die meisten Leute ohne Licht. Wenn er dann einen Heimkehrer anhielt und ihn zur Rede stellte, amüsierte er sich über die Ausreden. Es gab die Zerknirschten, die reuemütig und schuldbewusst meinten, sie hätten es nur vergessen und würden sonst immer mit Licht fahren. Und es gab die Erbosten, die ihn beschimpften, ob er nichts anderes zu tun hätte, als fleißige Arbeiter zu schikanieren. Er beließ es meist bei einer Verwarnung und stellte selten einen Bußgeldbescheid aus. Aber auch das gehörte zu seinen Aufgaben und die Menschen hatten dann doch ein bisschen Angst und Respekt vor ihm.

Er kontrollierte die Hausbücher. Er ging auf Streife und war Ansprechpartner für die Menschen im Dorf. Er wurde befragt, wenn Menschen in den Westen reisen wollten. Der Westen hieß damals „nichtsozialistisches Ausland.“ Die spannendste Frage für die Staatssicherheit (Stasi) war, ob die Leute im Westen bleiben würden? Das war nach DDR-Recht eine Straftat und hieß Republikflucht. Die Einschätzung des ABV war für die Behörden entscheidend, denn er kannte die Menschen sehr viel besser, als die Stasimitarbeiter selbst. Als es Westfernsehen gab, war das für jeden Parteigenossen tabu. So etwas schaute man nicht. Wenn die Leute sagten, es gäbe so schöne Filme im Westfernsehen, antwortete er: „Man trinkt auch keinen guten Wein aus einem schmutzigen Glas.“ Aber seinen Eltern erzählte er doch nach etlichen Gläsern Schnaps. Wir ziehen abends die Vorhänge zu und kucken auch mal Westfernsehen. Die Verlockungen des Westens gingen doch nicht an den einfachen SED-Mitgliedern spurlos vorüber.

Emblem der Volkspolizei der DDR

Der ABV war ein vielbeschäftigter Mensch, denn er musste für den Staat seine Dienste absolvieren, war aber auch zuständig für jede kleine Rauferei im Ort. Besonders nervten ihn Nachbarschaftsstreitigkeiten. Zwischen Arnold Mewes und Hedwig Muchow gab es immer Zank. Die Mewesschen Hühner machten es sich gern im Garten der Nachbarn bequem und ließen sich den Salat und den Grünkohl gut schmecken. Hedwig Muchow holte dann sofort den ABV, um den Schaden begutachten zu lassen. Die Hühner waren schon längst wieder fort, als Georg Zimmermann in den Garten kam. Er meinte, das sehe doch eher wie Schneckenfraß aus, was die Hedwig Muchow noch mehr aufbrachte. „Das lasse ich mir nicht gefallen, „sagte sie, „ich werde zum Bürgermeister gehen.“ „Gerne,“ sagte Georg Zimmermann, „dann schreibe ich in mein Protokoll - Übernahme durch den Bürgermeister.“ Hedwig Muchow winkte nur wütend ab: „Machen Sie doch, was Sie wollen!“ Meist ging solcher Streit wie das Hornberger Schießen aus. Georg Zimmermann war in Landin beliebt, denn er schoss nie über das Ziel hinaus und war auch kein scharfer SED-Hund, der Menschen ans Messer lieferte. Eine Schwäche hatte er aber doch. Er aß gern süß-sauer eingeweckten Kürbis. Er hatte schon lange ein Auge auf die Kürbisse im Garten von Lisa Gretzinger geworfen. Der Garten war fast schräg gegenüber von seinem Wohnhaus.

Haus von Lisa und August Gretzinger, Steinstr. 8

Und in einer regnerischen Sturmnacht konnte er nicht widerstehen und holte sich zwei Kürbisse aus dem Garten von Lisa Gretzinger und brachte sie in seinen Schuppen. Am nächsten Tag war das das Gesprächsthema Nummer Eins im Konsum. Lisa Gretzinger kam ganz aufgeregt in den Konsum und fragte Irmgard Zimmermann: “Habt Ihr denn nichts gehört in der Nacht? Mir haben sie nämlich zwei Kürbisse geklaut. Die waren durch den Stallmist ganz schön geworden und August und ich haben sie jeden Tag mit Freude angeschaut.“

Kürbisse

Irmgard Zimmermann konnte sich gar nicht genug darüber verwundern, wer denn so etwas machte und wusste doch, dass die zwei Kürbisse in ihrem Schuppen lagerten. Sie weckte ihrem Mann dann auch die Kürbisse so ein, wie er es mochte, mit Zucker, Essig und Zimt. Das leckere Kürbiskompott reichte für ein ganzes Jahr. Im Landin blieb es aber ein Geheimnis, denn so etwas traute man dem ABV nun wirklich nicht zu.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.09.2021


 

Der Kunstgießer Wolfgang Gregor in Landin

Wolfgang Gregor mit dem Bronzekopf der Meeresschildkröte „Marlene“

Wolfgang Gregor ist am 19.09.1948 in Berlin-Lichtenberg geboren. Sein Vater Kurt Gregor war Bäcker und seine Mutter Erna Gregor, geborene Lehmann, arbeitete in einem Anwaltsbüro in Berlin. Er absolvierte eine 10-klassige Oberschule in Berlin-Lichtenberg und begann von 1975 -1979 eine Lehre zum Stahlformbauer und Werkzeugmacher im Berliner Funkwerk Köpenick. Während der Lehre holte er an der Abendschule sein Abitur nach und arbeitete später drei Jahre lang als Kameramann beim Fernsehen der DDR in Berlin-Adlershof. Wolfgang Gregor hatte auch ein Musikstudium an der Hochschule für Musik „Hans Eisler“ in Berlin mit dem Ziel Chorleiter zu werden, angefangen. Er brach das Studium für Klavier und Gitarre aber bald ab, weil er feststellte, dass das nicht seine Berufung war.
1977-1982 studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und erhielt ein Diplom als Fotograf, Grafiker und Designer. Als Hochschulabsolvent war er ab 1982 als freiberuflicher Künstler als Mitglied im Verband der bildenden Künstler in Berlin tätig und lebte vom Verkauf seiner Fotos an die Zeitungen und nahm auch an der neunten und zehnten Kunstausstellung der DDR in Dresden teil. Wichtige fotografische Arbeiten entstanden im Eigenauftrag: Arbeiter-Porträts im Kabelwerk-Oberspree Berlin, eine umfassende Serie über Kleingartenanlagen Berlins und seine Bewohner, Porträts im Berliner Glühlampenwerk NARVA-Berlin. Als am 09.11.1989 die Berliner Mauer fiel, befand er sich gerade in Hamburg und arbeitete an einer Inszenierung mit Frank Castorf am Hamburger Schauspielhaus. Frank Castorf war von 1992 – 2017 als Intendant an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin und es gab hier für Wolfgang Gregor eine fruchtbare Zusammenarbeit als Kunstfotograf.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin

Daneben arbeitete er als Fotograf für den Stern, Spiegel, Merian, Feinschmecker und andere Zeitschriften. Der Stern bat ihn nach Hamburg zu kommen, weil er einen Beitrag über Kleingärten und Biedermeier machen wollte. Als er in das Büro des ungebildeten Redakteurs kam, lümmelte der am Schreibtisch, telefonierte und hatte seine Füße auf den Schreibtisch gelegt. Er bedeutete ihm Platz zu nehmen und fing an, während er weiter telefonierte, in den mitgebrachten Fotomappen zu blättern. Das war für Wolfgang Gregor die Wende. Er dachte bei sich: “Du musst dir das nach einem Kunststudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig nicht antun,“ und verließ mit seiner Mappe das Büro. Er hatte 1989 von einem Solotänzer der Komischen Oper in Berlin eine Gaststätte mit Stallungen, Scheune und großem Garten in Landin für 13.000,00 Mark der DDR erworben. Er hatte sich sofort in die schöne Landschaft des Havellandes verliebt und zog 1991 nach Landin, baute die Scheune zur Kunstgießerei um und ließ sich in Landin nieder.

Von 1991 – 2004 sanierte er das Wohnhaus und richtete sich in der Scheune mit allen Geräten eines Kunstgießers ein. Die ersten Aufträge kamen sofort. Als das Marmorpalais in Potsdam saniert wurde, bekam er den Auftrag alle Türklinken und Türbeschläge, sowie zahlreiche Inneneinrichtungen im gesamten Gebäude zu gießen und zu restaurieren.

Der Künstler Wolfgang Gregor vor seinem Atelier

Muster von Türklinken und Beschlägen

2014 teilte er das Grundstück und verkaufte den Gaststättenkomplex. Den ehemaligen Kuhstall baute er von 2018-2019 zu einem Wohnhaus um, wobei er den Innenausbau selbst übernahm, was die Kosten deutlich reduzierte.
Er kaufte den Holzofen „Bruno“, der eine mollige Wärme verströmt.

Der ehemalige Kuhstall ist ein schmuckes Wohnhaus geworden

Holzofen Bruno

Wenn er auf sein Leben zurückblickt, hat er immer das gemacht, was ihm Freude bereitete. Zuerst war er als Musiker unterwegs, dann als Kameramann tätig, danach Kunstfotograf und Journalist und jetzt ist er Kunstgießer. Zurzeit arbeitet er an der Lederschildkröte „Marlene“, die im Meeresmuseum Stralsund als Bronzefigur aufgestellt wird. Die Kunstgießerei teilt sich in drei Aufgabenbereiche:
1. Restaurierung von Großplastiken, Interieur in Denkmalgeschützten Gebäuden
2. Plastiken für Galerien, Zusammenarbeit mit Bildhauern
3. Eigene Kunstwerke

In Anlehnung an die griechische Mythologie hat er einen „Trojanischen Hund“ gegossen. Die Odyssee von Homer erzählt ja, wie die Griechen Troja mit einer List eroberten, indem sie ein Riesenholzpferd vor der Stadt Troja zurückließen und so taten, als ob sie die Belagerung aufgeben wollten und mit ihren Schiffen davonsegelten. Die Trojaner feierte das als großen Sieg und schleppten das Riesenpferd in ihre Stadt, nichtahnend, dass im Inneren sich die griechischen Krieger versteckt hielten und nachts herauskamen und die Stadttore für ihre zurückgekehrten Krieger auf den Boten öffneten. Das war das Ende der Stadt Troja. Der König von Ithaka Odysseus hat es, so beschreibt es der griechische Dichter Homer, mit dieser List geschafft, die Stadt zu erobern, aber zur Strafe musste er zehn Jahre auf dem Mittelmeer umherirren, bis er in sein Heimatkönigreich Ithaka zurückkehren durfte.

Der trojanische Hund

Der trojanische Hund

Wolfgang Gregor hält es mit Brecht, der einmal gesagt haben soll: “Lies jeden Tag ein paar Seiten eines guten Buches und höre gute Musik!“ Lesen, Musik und Sport sind seine Hobbys. Er läuft und schwimmt gern und fährt mit seiner Frau Andrea Kuhlmey an den Wochenenden 80 km mit dem Fahrrad. Ebenso liebt er das Windsurfen und Snowboarden. Er hat eine Tochter Clara und einen Sohn Philip. In Landin hat er im großen Garten eine Gipsfigur in Anlehnung an eine Arbeit von Max Klinger „Tanahashi“ aufgestellt.

Hommage / freie Nachbildung an Max Klingers „Tanahashi“

Der Garten grenzt an den Buchtgraben

Der Garten ist auch für die tägliche Speisekarte gut nutzbar. Mit den vielen Obstbäumen und Beerensträuchern und einem kleinen Kräutergarten ist er zu einer richtigen Idylle geworden.

An der Straße hat er noch eine kleine Remise und ein kleines Gartenhaus gebaut, um etwas Abstellmöglichkeiten zu haben. Und er kann auch Autos reparieren. Ein guter Handwerker hat eben geschickte Hände und wenn sie dann noch künstlerisch aufgewertet werden, ist Vieles möglich.

Der Kräutergarten

Remise und Gartenhaus an der Straße

Das Havelland ist schön und Landin ist ein schöner Ort im Havelland. Da lebt man in der Natur und mit der Natur und wenn man Lust auf die Stadt hat, ist Berlin quasi um die Ecke. Auf einem Dorf kann man auch die Jahreszeiten viele intensiver wahrnehmen als in der Großstadt Berlin. Das Blühen, Werden und Vergehen ist jeden Tag zu sehen und dieses Jahr gab es auch am 06. Februar 2021, dem Namenstag der Heiligen Dorothea, Schnee wie seit Jahren nicht mehr.

Gregor
Kunstgießerei
Steinstrasse 4 A
14715 Landin / Havelland
Tel: +49 33874 60668
Fax: +49 33874 60672
E-Mail: mail@kunstgiesserei.de
www.kunstgiesserei.de

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.08.2021


 

In Landin gibt es kein Salz

Dorfkonsum in Landin im Neubau

Neben der Gaststätte Ferdinand Muchow, hatte die Enkelin, des Gastwirts, Hertha Brunow, einen Kolonialwarenhandel im Hause eingerichtet und verkaufte an die Landiner Zucker, Salz, Marmelade aus großen Pappeimern, Butter von großen viereckigen Blocks, Seife, Waschpulver und Himbeerbonbons.
Schon während des Zweiten Weltkrieges (1939 -1945) gab es Lebensmittelmarken für Zucker, Butter und Brot. Dieses System wurde auch noch dem Krieg fortgeführt. Es war eine Verwaltung des Mangels. Manche Kinder kauften für die Zuckermarken heimlich Himbeerbonbons, ohne dass es die Eltern merkten. Die Kommunistische Führung in der DDR hatte es sich vorgenommen, die wenigen verbliebenen Privatläden in Staatseigentum zu überführen. In den Städten gab es die HO`s, die einer Staatskette namens Handelsorganisation (HO) angehörten und Industriewarengeschäfte, Lebensmittelgeschäfte und Gaststätten betrieb. Auf den Dörfern wurden die privaten Geschäfte in eine Genossenschaft überführt, die „Konsum“ genannt wurde. Diese Konsumgenossenschaft hatte in den Städten auch Warenhäuser, Großbäckereien und Gaststätten. In den Dörfern gab es meist nur den Dorfkonsum. Die Mitglieder der Konsumgenossenschaft wurden zu einem geringen Anteil an den Umsätzen beteiligt. Es gab Rabattmarken für den Einkauf, die man in Hefte klebte und am Jahresende der Konsumgenossenschaft übergab und etwas Geld dafür bekam. Hertha Brunow musste ihr Geschäft aufgeben und dafür wurde Irmgard Zimmermann von der Konsumgenossenschaft in Landin angestellt. Sie wohnte mit ihrem Mann, der Abschnittsbevollmächtigter (ABV) war, wie man den Dorfpolizisten im Osten nannte, in der Bergstraße 4 in Landin. Der Dorfkonsum in Landin war ein Treffpunkt für alle Menschen im Ort. Hier wurden alle Neuigkeiten ausgetauscht. Wer geheiratete hatte, wer gestorben war, wer krank oder im Krankenhaus war. Alles berichteten die Kunden und die Konsumverkäuferinnen wussten alles immer zuerst, was das Dorf und seine Bewohner betraf. Der erste Konsum war in der Steinstraße 12.

Landin, Steinstraße 12

Aber bald zog Irmgard Zimmermann in das kleine Schloss, das im Krieg unzerstört geblieben war, um. Sie war eine genaue Verkäuferin und hatte nie einen Überschuss, aber auch nie ein Manko. Wie sie das machte, blieb allen ein Rätsel. Eigentlich mussten sich alle anstellen und warten bis sie an der Reihe waren, aber es gab immer welche, die sich vordrängelten. Wenn ihre Freundin Ulrike kam, ging sie immer sofort an den Verkaufstisch und sagte: “Irmchen, wir sind gerade beim Kaffeetrinken. Kannst Du mir mal schnell ein Glas Erdbeermarmelade geben und eine Tüte Zucker, und ich brauchte auch noch ein Stück Butter und ein Pfund Mehl, ach und Streichhölzer. Die hätte ich beinahe vergessen und dann noch ein Glas Mostrich. So was macht das?“ Irmgard Zimmermann lächelte amüsiert und bediente sie zwischendurch. Die Kunden in der Reihe kannten das alles und warteten geduldig. Ulrike war eben ein Original, man konnte ihr nicht böse sein.

1969 wurde das kleine Haus des Schlosskomplexes abgerissen und auf den Fundamenten ein Neubau errichtet. Irmgard Zimmermann zog vorübergehend in ein Haus in der Steinstraße um.

Kleines Haus des Schlosskomplexes in Landin

Der Konsum in der Steinstr. 17

Als der Neubau fertig war, zog der Konsum dort ein. Ingelore Babucke wurde ihre Nachfolgerin und führte den Konsum viele Jahre. Sie bot in dem kleinen Laden an, was man so an täglichen Dingen brauchte. Brot, Brötchen, Butter, Margarine, Öl, Eier, Zucker, Mehl, Milch, Salz, Gewürze, Scheuertücher, Toilettenpapier und Waschpulver. Auch gab es eine kleine Tiefkühltruhe mit Fisch, Hähnchen und anderen Fleischwaren. Die Menschen auf dem Dorf waren nicht so mobil wie heute. Von Aal bis Zimt musste alles vorrätig sein. Kurz vor Weihnachten kam dann Apfelsinen, die Ingelore Babucke immer gerecht auf die Familien aufteilte, sodass jeder etwas abbekam, denn Südfrüchte waren Mangelware. Ebenso machte sie es mit den Bananen. Anderes Obst oder Gemüse bot sie nur in kleinen Mengen an, da die meisten Landiner einen eigenen Garten hatten und Gemüse, Äpfel, Birnen und Pflaumen selbst ernteten und auch einweckten. Die Menschen kauften auch das 48 Pfennig teure Schrotbrot, das sie an die Schweine verfütterten. Es war einfach spottbillig und viel billiger als wenn sie anderes Viehfutter kaufen würden. Die Grundnahrungsmittel wurden hoch subventioniert und entsprachen in keiner Weise den Realkosten. Dafür waren technische Artikel völlig überteuert. Die Regierung wollte damit das Geld abschöpfen.

Pfannkuchen aus der Konsumbäckerei

Zweimal die Woche gab es frisches Brot und einmal die Woche Fleisch und Wurstwaren. An einem Tag im Monat bot Ingelore Babucke auch Kaffeegeschirr und andere Industriewaren an.

Ingelore Babucke

Wenn im Januar und Februar die Bauern ein Schwein schlachteten, kauften sie auch das Salz im Konsum. Es wurde Pluntwurst gekocht, Schlackwurst und Leberwurst gemacht und das Fleisch eingesalzen oder als Schinken mit der Schlackwurst in die Räucherkammer gebracht. Einmal ging der Familie Mewes beim Schlachten das Salz aus und der Sohn Bernd wurde in den Konsum geschickt, um Salz zu kaufen. Ingelore Babucke hatte wirklich viel Salz eingelagert, wenn alle Bauern im Winter schlachteten. Aber auch ihr waren die Vorräte ausgegangen und so riet sie dem Bernd, er solle seine Schwester in Rathenow anrufen, die ja abends mit dem Bus nach Hause kommen würde. Sie könne das Salz aus Rathenow ja mitbringen, dann wäre es noch rechtzeitig für die Wurst und das Fleisch in Landin. Es gab kaum Telefone und Bernd hatte noch nie telefoniert. Ingelore wählte ihm die Nummer und verlangte die Schwester, die im „Hotel der Optik“ arbeitete, und ging wieder zurück in den Verkaufsraum. Bernd hörte die Stimme seine Schwester und sagte: „In Landin gibt es kein Salz.“ „Wer ist denn da?“ fragte seine Schwester. Aber er antwortete immer mit denselben Satz: „In Landin gibt es kein Salz, in Landin gibt es kein Salz.“ „Bist Du es, Bernd?“ rief die Schwester, aber sie hörte nur wieder:“ In Landin gibt es kein Salz.“ Da lege sie auf und dachte sich ihren Teil, kaufte reichlich Salz ein und brachte es mit nach Hause, gerade noch rechtzeitig um die Würzmischungen für die Würste zu bereiten. Die ganze Familie schmunzelte noch lange über diese Geschichte. Ingelore Babucke führte den Konsum auch noch nach der Einheit Deutschlands im Jahre 1990 weiter, aber die neu errichteten Supermärkte lockten auch die Dorfbewohner in die Städte und so arbeitete sie noch einige Zeit in Kriele im Konsum und später noch in Stellen vom Arbeitsamt (ABM), aber die Zeit der Dorfläden war vorbei.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.07.2021


 

Der Lottogewinn von Hanka Gregor

Hanka Gregor wurde am 02.08.1963 in Berlin-Lichtenberg geboren. Der Vater, Wilmar Markert, war Pilot bei der NVA (Nationalen Volksarmee der DDR). Die Mutter Erika Markert arbeitete in der Jugendgerichtshilfe in Berlin-Lichtenberg. Sie wuchs mit dem am 02.08.1968 geborenen Bruder Knut auf. Oft war Hanka bei den Großeltern Käthe und Kurt Herold in Zeuthen und verlebte dort eine glückliche Kindheit fast wie auf dem Lande. Von 1970 – 1980 besuchte sie die Josef-Orlopp-Oberschule in Berlin Lichtenberg. Josef Orlopp (*29.08.1888 in Essen - † 07.04.1960 in Berlin) kam aus der SPD und war in der DDR Mitglied im Präsidium des Bundesvorstandes des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Hanka Gregor begann nach der zehnten Klasse eine zweijährige Ausbildung zur Werbegestalterin bei der HO-WtB (Waren des täglichen Bedarfs) in Berlin-Weißensee. Sie war dann später Teamleiterin und Lehrbeauftragte bei der HO (Handelsorganisation der DDR). Von 1990 -2000 arbeitete sie als Teamleiterin bei Kaisers-Kaffee-Geschäft in Berlin-Mariendorf. 2001 machte sich selbstständig und war bis 2017 als Werbegestalterin für viele Unternehmen tätig. Seit 2017 arbeitet sie in den Havelland-Kliniken in Nauen als Servicemitarbeiterin in der Urologie. Am 21.03.1987 heiratete sie KFZ-Mechaniker Lutz Gregor im historischen alten Standesamt Berlin-Lichtenberg.

Silberhochzeit 20.03.2012
 

Alte Schule in Landin 2020

Am 05.08.1981 kam ihr Sohn Guido im Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Berlin zur Welt. Der Schwager von Hanka Gregor, Wolfgang Gregor, hatte den Gasthof Landin gekauft und betrieb eine Künstlerwerkstatt. Durch Besuche in Landin lernten Hanka und Lutz Gregor 1983 den Bürgermeister von Landin, Jürgen Müller, kennen, der ihnen das alte Schulhaus in Landin zum Kauf anbot. 1985 kaufte sie dieses Haus, in dem noch Emmi Wenger wohnte, die früher Lehrerin in Landin war. Hanka und Lutz Gregor versprachen der Emmi Wenger, dass sie solange sie lebe, in diesem Haus bleiben könnte. Hanka und ihr Mann hatten ihren Lebensmittelpunkt noch in Berlin und Guido ging ja auch dort zur Schule. Emmy Wenger zog 1995 nach Friesack, weil in der alten Schule noch eine Ofenheizung vorhanden war und sie im Alter doch etwas komfortabler leben wollte. Je nach finanzieller Lage begann die Familie Gregor das alte Schulhaus nach und nach zu modernisieren. Es wurde das Dach neu gedeckt, neue Fenster und Türen eingebaut. Die Fußböden wurden erneuert und mit einer Fußbodenheizung ausgestattet. Das Bad wurde komplett neu gebaut. 1999 zog die gesamte Familie in das erneuerte Haus in Landin ein und gab ihre Wohnung in Berlin auf. Lutz Gregor hatte viele Dinge selbst gebaut, denn er ist ein geschickter Handwerker. Er fand auch bald eine Arbeit als KFZ-Mechaniker bei der Havelländischen Abfallwirtschaftsgesellschaft m. b. H. (HAW) in Nauen.

Sohn Guido arbeitetet weiterhin in Berlin. Seit 2004 ist Hanka Gregor zur Ortsvorsteherin von Landin (Gemeinde Kotzen) gewählt worden. Sie nimmt quasi die Aufgaben einer Bürgermeisterin für das Dorf Landin wahr.

Winter in Landin

Sie ist verantwortlich für die Vermietung des Gemeindehauses, für die Planung und die Durchführung der Veranstaltungen in der Gemeinde Landin, für Wahlvorbereitungen und sie trägt die Verantwortung für die Ordnung und Sicherheit im Dorf sowie für die Verschönerung des Dorfes für den Tourismus. Ihr Hund Cariba begleitet sie auf allen Wegen durch´s Dorf.

Cariba

Sie ist Gründungsmitglieds des Fördervereins zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e. V. 2020 konnte sie mit dem Vorsitzenden Gert Dittrich die äußere Fertigstellung des maroden Gotteshauses feiern. Die Kosten betrugen ca. 500.000,00 € und sind ein kleines Wunder. Gert Dittrich ist der Motor des Wiederaufbaus dieser Dorfkirche und hat sich seit dem 06.02.2015 nach der Gründung des Vereins Tag und Nacht für den Wiederaufbau eingesetzt. Gert Dittrich hat die Gabe, viele Menschen für sich zu gewinnen und so ist es nicht verwunderlich, dass Fördermittel flossen und er viele interessante Menschen nach Landin lockte. Gott hat ihn und seinen Vorstand gesegnet. Der 06. Februar ist der Namenstag der Heiligen Dorothea und gibt auch einen Hinweis für den Segen, der über dem Wiederaufbau der Dorfkirche lag. Die Heilige Dorothea ist die Schutzheilige der Bierbrauer, der Blumengärtner, der Floristen, der Bräute und der neu vermählten Ehepaare. Sie soll am 06.02.305 in Caesarea hingerichtet worden sein und deshalb feiert die Christenheit auf der Erde diesen Tag als ihren Namenstag.

Heilige Dorothea in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow (1380)

Die Darstellung der heiligen Dorothea erfolgt mit Schwert, Palme, Krone und Lilie und mit einem Körbchen voll Rosen und Äpfel. Sie ist die Helferin bei falschen Anschuldigungen. Die Legende berichtet, dass Dorothea eine der ersten Christinnen war, die für ihren Glauben ihr Leben lassen musste. Sie wuchs zur Zeit des römischen Kaisers Diokletian (243 – 313) auf, der die Christen grausam verfolgen ließ. Ihr Vater war römischer Senator. Er lebte in Kappadozien (Türkei). Dorothea heißt so viel wie "von Gott Geschenkte.“ Der Vater freute sich, als ihm eine dritte Tochter geboren wurde. Sie war sehr schön und klug. Der kaiserliche Statthalter Apricius wollte sie zur Frau haben. Als er hörte, dass sie Christin war, ließ er sie ins Gefängnis werfen und grausam foltern. An einem kalten Wintertag wurde sie hingerichtet. Bevor sie dem Henker übergeben wurde, rief ein junger Bursche mit Namen Theophilus: "Dorothea, wenn Du in den schönen Garten Deines Bräutigams (Jesus Christus) kommst, dann schick mir mal ein Körbchen mit Rosen und Äpfeln!" Es glaubte keiner, dass es im Winter Äpfel und Rosen geben würde. Da erschien aber doch plötzlich ein kleiner Junge und überreichte der Dorothea ein Körbchen mit Rosen und Äpfeln. Als der Spötter, Theophilus, das sah, bekehrte er sich auch zum Christentum und wurde ebenfalls enthauptet. Die Wetterregel für den sechsten Februar lautet: „Dorothee bringt den meisten Schnee“ und das hat auch immer gestimmt, bis die Klimaerwärmung alles durcheinanderbrachte.
Am 09.09.2016 hielt Hanka Gregor als Kassenwartin des Fördervereins zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e. V. einen Vortrag in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow im Rahmen einer Geschichtskonferenz und berichtete in Anwesenheit der Erzherzogin von Österreich, Prinzessin Camilla von Habsburg-Lothringen, über die Gründung und die Arbeit des Landiner Vereins.

 

 

Drei Hochbeete im Garten

Hanka Gregor ist seit der Gründung am 06.02. 2015 Kassenwartin des Dorfkirchenvereins Landin und durch ihre Hände gingen in den letzten Jahren eine Vielzahl von Spenden und Fördermitteln. Sie singt in ihrer Freizeit gern und ist seit 2016 als Altistin im Chor „Salto Tonale“ in Bredikow, der von André Diakov geleitet wird. Ihr zweites Hobby ist ihr Garten, wo sie Kräuter, Tomaten, Rosenkohl, Möhren und Paprika erntet und auch ein kleines Gewächshaus betreibt.

Ihr Mann und sie empfinden die alte Schule in Landin als ihren persönlichen Lottogewinn. Die Menschen und die Freunde gefallen ihnen. Die wunderschöne Landschaft im Havelland geben ihnen durch ihre Weite Raum und Muße zum Durchatmen und Ausruhen. Sie fühlen sich in Landin heimisch.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.06.2021


 

Der Tod der Jenny von Grotthuss

Jenny von Grotthuss
 

Russland 1905

Der letzte Herzog von Kurland hieß Peter Biron (*1724 - † 1800) und regierte Kurland von 1769 -1795. Die Zarin Katharina II. von Russland kaufte ihm das Herzogtum 1796 gegen eine hohe Summe ab und so gehörten Livland, Estland und Kurland zum Zarenreich.
Die zaristische Herrschaft dauerte bis 1918 an. Die Dominanz der russischen Zaren war allgegenwärtig, denn das Zarenreich reichte von Warschau bis nach Finnland. Ganz Finnland gehörte damals zu Russland.

Die Deutschen in diesen drei Staaten Kurland, Livland und Estland hatten aber Privilegien und eine Sonderstellung, denn die Zaren brauchten die Deutschen. Das Zarenhaus war ja auch mit dem Deutschen Kaiserhaus eng verwandt. Der Preußische König Friedrich Wilhelm III., empfing Zar Alexander I. am 25.10.1805 zu einer Parade auf dem Platz „Am alten Königstor“ in Berlin, der danach in Alexanderplatz umbenannt wurde und bis heute so heißt. Die Deutschen waren in erster Linie Praktiker. Die baltischen Deutschen waren noch mehr Deutsche als die Deutschen in Deutschland selbst. Genusssucht und unbändige Arbeitskraft sowie eine Herzenswärme waren typisch für den deutschstämmigen baltischen Adel. „Plus être que paraitre,“ mehr Schein als Sein war ihr Lebensmotto. Seit 1795 war den Deutschen im Baltikum die Ausübung des Evangelischen Glaubens, deutsches Recht, deutsche Gerichte, deutsche Verwaltung des Landes und Deutsch als Amtssprache garantiert worden. Zar Alexander III. (1881 -1894) verweigerte die Bestätigung der Privilegien für die Deutschen und forcierte die Russifizierung seiner Provinzen. Als 1905 das russische Kaiserreich eine Niederlage beim Krieg gegen Japan hinnehmen musste, kam es zu revolutionären Unruhen im ganzen Zarenreich. Im Baltikum haben die Russen versucht, die Letten gegen die Deutschen aufzuhetzen und viel Güter wurden verwüstet. Der deutsche Adel entfloh nach Deutschland. Als der Zar wieder einige Freiheiten bewilligte, kamen die Deutschen sofort wieder ins Land und eröffneten Schulen und Verwaltungen wie früher. Carl Friedrich Baron von Grotthuss (*11.07.1833 in Rothof - † 12.04.1905 in Spahren) kaufte das Gut Spahren 1860. Sein Sohn Otto Baron von Grotthuss wurde 19.11.1869 in Spahren geboren, was für die Eltern eine große Freude war. Von 1886 – 1888 war er auf dem Gymnasium in Goldingen und legte hier sein Abitur ab. 1889 – 1893 ging er an die Universität in Dorpat und studierte Jura. Als Student schloss er sich der kurländischen Landsmannschaft „Curonia“ an und bekam so Kontakt zu allen Söhnen des baltischen Adels. Das Curonia-Korps hatte den Wahlspruch: Mit Kurland und seiner Eigenart steht und fällt CURONIA! Die Farben der Curonia waren Grün-Blau-Weiß. Von 1893 – 1894 arbeitete er als Notar für den Baron von der Osten-Sacken in Talsen. Er heiratete am 06.01.1895 Jenny Baronesse von Buchholtz, die 1870 in Kimahlen geboren worden war.

Jenny und Otto Baron von Grotthuss

Otto Baron von Grotthuss arbeitete seit der Eheschließung 1895 in Goldingen als Notar. Von 1899 – 1906 war er Besitzer von Klein -Wirben. Die Eltern von Otto Baron von Grotthuss bewirtschafteten ein Gut in Spahren, dessen Leitung der Sohn Otto Freiherr von Grotthuss von 1905 -1921 innehatte. Von 1901 – 1906 war er auch dort Kirchenvorsteher und Ehrenfriedensrichter. Im Baltikum waren 80-85 % der Rittergüter in Adelshand. Die Größe eines Gutes betrug ca. 2500 ha einschließlich Wald und Moor. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die lettische Regierung am 24.09.1920 alle Gutsbesitzer enteignet und ihnen nur das Herrenhaus mit allen Ställen und Scheunen, den großen Garten und den Schlosspark und einen See von 17 ha sowie 50 ha Land belassen. Otto Baron von Grotthuss hatte als Jurist vorahnend schon einen kleineren Teil des Besitzes auf seine Schwägerin Anna von Buchholtz und seine Frau Jenny im Kataster übertragen lassen, so dass er doch insgesamt 109,4 ha mit 40, 4 ha landwirtschaftlicher Fläche bearbeiten konnte. Die Eltern klammerten sich natürlich an diesen Rest des verbliebenen Gutes und versuchten nicht ohne Erfolg, das große Haus im Sommer an Feriengäste zu vermieten. Jenny und Otto Baron von Grotthuss kehrten, nachdem sich alles politisch etwas beruhigt hatte 1923 nach Spahren zurück. Ein Mitarbeiter des Gutes Slawo hatte derweil das Gut verwaltet und sie fanden bei ihrer Rückkehr alles unversehrt vor. Das Haus füllte sich nun mit Verwandten, Studenten, Städter, Pensionären, Urlaubern, Jäger, Angler, die glücklich waren, sich in einer so schönen Umgebung zu erholen. 1939 mussten Jenny und Otto Baron von Grotthuss das Gut Spahren aufgeben und verließen mit gepackten Sachen ihre Heimat, die die Familie seit 1905 bewohnt hatte. Alle Deutschen mussten unter der Lügenparole „Heim ins Reich“ das Baltikum verlassen, so schrieb es der Hitler-Stalin-Pakt vor. Jenny und Otto Baron von Grotthuss kamen in ein Auffanglager nach Schönlanke und sollten da warten. Es gab natürlich Besuche in Landin bei der Tochter und in Schlossberg. Am 06.08.1940 annektiert die Sowjetunion alle baltischen Staaten. Nach einem entsprechenden Ultimatum wandelte der grausame Despot Stalin die Länder Estland, Lettland und Litauen in Sowjetrepubliken um. Die Nazis wollten nun das Wartegau mit Deutschen besiedeln und so gelang es Harald, dem ältesten Sohn von Jenny und Otto Baron von Grotthuss für seinen Vater das Gut Luszczewo zu bekommen. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler hatte festgelegt, dass Baltendeutsche 500 ha erhalten sollten. Als Jenny und Otto Baron von Grotthuss in Luszczewo ankamen, war alles verkommen. Die Nazis, die die polnischen Arbeiter als Untermenschen betrachteten, hatten ihnen keine Löhne gezahlt und so stahlen sie alles, was sie brauchten. Die Grotthussens ließen alles wieder in Stand setzen und bezahlten die polnischen Arbeiter ordentlich. Von 1942 -1944 arbeitete das gut wieder rentabel. Die Nazigrößen führten sich wie Eroberer auf und trugen sehr zum Hass auf die Deutschen bei. Die Vorbesitzer vom Gut Luszczewo hatten die Nazis vertrieben und so lebte die Familie mit fremden Möbeln und fremden Geschirr. Als man das eingelagerte Geschirr der Familie von Grotthuss nachschicken ließ, kam nicht ein Stück heil an. Am 20.01.1945 musste die Familie das Gut Luszczewo vor der herannahenden Roten Armee verlassen. Jenny und Otto Baron von Grothuss übergaben dem polnischen Verwalter, den sie 1941 eingestellt hatten, die Schlüssel und baten ihn, dem rechtmäßigen Besitzer einen Brief zu überreichen. Der Brief enthielt die Inventarliste und die Botschaft, dass sie sich nur als Treuhänder und nie als Besitzer des Gutes gefühlt hatten. Jenny und Otto Baron fuhren nach Landin und quartierten sich bei ihrer Tochter Alice im Schloss ein.

Lindenallee zur Landiner Dorfkirche

Der General von Hake hatte den Bewohnern im Landiner Schloss dringend empfohlen, in den Westen zu fliehen, was Alice und Wichard von Bredow auch taten. Jenny und Otto Baron von Grotthuss und die Schwestern von Wichard von Bredow, Vally und Elsa wollten aber unbedingt im Schloss bleiben. Uns alten Menschen werden die Russen nichts tun, meinten sie voller Naivität. So bestiegen Alice und Wichard von Bredow schweren Herzens das Auto und verließen das Landiner Schloss am 23.04.1945. Als die Russen am 01.05.1945 kamen, plünderten sie die verbliebenen Schlossbewohner vollkommen aus und ein polnischer Zwangsarbeiter steckte das Schloss Landin am gleichen Tag um 22:00 Uhr in Brand. Zuerst wurde die große Scheune in Brand gesteckt. Das Feuer griff auf den Hühnerstall und dann auf das Schloss über. Otto Baron von Grotthuss musste seine Stiefel ausziehen, die sich ein russischer Soldat sofort anzog. Danach verbrachten Jenny und Otto Baron von Grotthuss drei Tage und drei Nächte im Keller des Nachbarn Mewes, wo alle Augenblicke Russen kamen die Sachen durchwühlten und noch den Rest der Habe entwendeten. Auch das Kleine Haus gegenüber dem Schloss wurde vollkommen ausgeraubt.

Das Kleine Haus in Landin

Endlich fanden sie eine Bleibe beim Melker Wenger. Es gab wenig zu essen und jede Nacht kamen Soldaten, die auch das Letzte, was sie noch hatten, stahlen. Es gab einmal die Woche Minirationen von Brot, Butter und Quark. Richtig satt wurde man davon nicht. Einmal in der Woche brachte Frau Wenger einen Teller Erbsensuppe, was dann ein Hochgenuss war. Sie beide magerten ab bis auf die Knochen, denn es gab kein Fett. Die Ärzte stellten überall Mangelernährung fest. Am 27.10.1945 konnten die beiden nach Kriele zum Schneidermeister Grünwald umziehen. Jenny Baronin von Grotthuss hatte sich noch in Landin nachts an einem Bettpfosten am linken Unterschenkel verletzt. Die Wunde wollte und wollte nicht heilen und entzündete sich immer mehr. Durch die Mangelernährung hatte sie kaum noch Widerstandskraft. Sie kam ins Krankenhaus nach Friesack, aber da war die Ernährung auch nicht besser, sodass sie am 25.12.1945 starb. Ihr Mann Otto Baron von Grotthuss ließ sie in einem Doppelgrab in Friesack beisetzen und floh im März 1946 zu seiner Tochter Alice in den Westen. Dort war es ihm vergönnt, die Heimkehr seines Sohnes Harald Freiherr von Grotthuss am 01.01.1954 aus russischer Kriegsgefangenschaft zu erleben. Kurz danach brach er sich bei einem Sturz den Oberschenkel und starb trotz Krankenhausbehandlung in Warburg am 19.02.1954 in Willebadessen. Am 23.02.1954 fand die Trauerfeier im Kreuzgang des Schlosses Willebadessen, Kreis Warburg, in Westfalen statt, wo viele Familienmitglieder beim Freiherrn von Wrede Unterkunft gefunden hatten.

Von rechts nach links: Ferdinand Baron von Behr, Harald Baron von Grotthuss, Jürgen von Bredow, Friedrich Wilhelm Baron von Buchholtz (auch als Corone), Wolf-Dieter von Klinggräff, Fred Baron von Grotthuss, Hubertus von Bredow.
 

Die Trauergäste vor dem Schloss Willebaldessen
(Alice von Bredow 7. von links)

Der Sarg wurde von den Söhnen, Enkeln und Neffen aus dem Schloss getragen. Spalier standen die Förster und Jäger, um auch dem Waidmann Otto Baron von Grotthuss einen letzten Gruß zu geben. Die Jagdhörnen bliesen ihm auch ein Halali. Es war ein schlichter Sarg, der auf dem Deckel mit dem Band der Curonia geschmückt war: Grün-Blau-Weiß. In der Friedhofskapelle stimmten alle das Lied der Curonen an, dass von C.G. Naumann gedichtet worden war.

Ist einer unsr´er Brüder dann geschieden,
vom blassen Tod gefordert ab,
so weinen wir und wünschen Ruh´ und Frieden
in uns´res Bruders stilles Grab!
Wir weinen und wünschen Ruhe hinab
in uns´res Bruders stilles Grab.

Der Sarg fand zunächst seinen Platz in der von Wredeschen Familiengruft. Die Familie stellte einen offiziellen Antrag an die Behörden der DDR, den Sarg nach Friesack zu überführen, wo er neben seiner lieben Frau begraben werden wollte. Der Stadtrat von Friesack lehnte den Antrag zuerst ab. In der Sitzung ging es hoch her. Ein SED-Bonze sagte: „Lebend kommen die Junker nicht zurück auf ihre Güter, nun wollen sie als Leichen kommen.“ Aber zum Schluss stand ein SED-Genosse auf und rief: “Na und, habt ihr jetzt schon Angst vor einem toten Baron?“ Und so erfolgte doch noch die Freigabe der Überführung des Sarges und eine Bestattung auf dem Friesacker Friedhof.

Grabstein der Familie von Grotthuss auf dem Landiner Friedhof

1991 ließen die Enkel einen Grabstein auf dem Landiner Friedhof errichten, denn Landin war doch eigentlich durch die Nähe zu ihrer Tochter Alice auch Heimat für die Familie von Grotthuss geworden, bis sie die Russen auch aus diesem Haus vertrieben.

Nun erinnert nur noch der Grabstein an das Schicksal der Jenny Baronin von Grotthuss. Aber sie steht nur stellvertretend für eine ganze Generation von Menschen, denen eine Bande von skrupellosen Verbrechern Tod, Armut und Verlust ihrer Heimat brachte. Sie verführten die Menschen mit ihren nationalistischen Hassparolen und waren doch nichts weiter als widerwärtige Despoten und Mörder.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 01.05.2021

Ich danke Otto Freiherr von Grotthuss für die Unterstützung und für die leihweise Überlassung des Buches von Max-Wichard von Bredow „Spahren – ein Gut in Kurland“, aus dem das meiste mit kleinen Veränderungen zitiert wurde.


 

Die Handtasche der Betty Ast

 
 

Postangestellte Bettina Charlotte Ast

Bettina Charlotte Ast, geborene Welak, wurde am 30.09.1909 in Berlin-Tempelhof geboren. Ihr Vater Emil Welak war am 15.06.1915 im Ersten Weltkrieg gefallen, sodass die Mutter Maria Welak ihre Tochter allein aufziehen musste. Betty, wie sie genannt wurde, besuchte die Volksschule von 1916 – 1924 in Berlin-Tempelhof. Von 1928 – 1930 absolvierte sie eine Lehre zur Haushaltsgehilfin in der Domäne Kieck bei Rathenow. Dort lernte sie Karl Hermann Ast kennen, der in Landin einen kleinen Bauernhof bewirtschaftete. Karl Ast war am 12.09.1898 in Bnin, Kreis Schrimm (Preußische Provinz Posen bis 1919) geboren und durch den Zweiten Weltkrieg nach Landin gekommen. Am 05.03.1932 heirateten die beiden in der Dorfkirche Landin. Pfarrer Sorge gab dem Brautpaar als Hochzeitsspruch einen Vers aus dem Psalm 127: „Wo der Herr nicht das Haus baut, da arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo der Herr nicht die Stadt behütet, da wachen die Wächter umsonst.“

Wohnhaus der Familie Ast, Steinstr. 4, Landin
 

Karl und Betty stellen Roggenmandeln auf

Von 1930 – 1958 bewirtschafteten Betty und Karl Ast den kleinen Bauernhof. Betty fütterte die Hühner, besorgte den Garten und half auf den Feldern mit. Sie weckte das Obst aus dem Garten ein und kochte gern. Es gab Hausmannskost aber immer eine Nachspeise, die aus Kompott oder Pudding bestand. Betty war schön und umgab sich gern mit einem schönen Ambiente. Und sie war bestimmend in vielen Dingen. Da ihre Ehe mit Karl kinderlos blieb, nahmen die Asts 1950 ihren zwanzigjährigen Neffen Rudolf Nelde aus Nauen zu sich. Karl Ast hatte sieben Geschwister. Seine Schwester Anna Nelde, geborenen Ast, war froh, dass ihr Sohn Rudolf nun gut versorgt war.

Am 03.12.1958 übernahm Betty Ast die Poststelle in Landin. Ein Raum in ihrem Wohnhaus wurde zum Postbüro und daneben befand sich in einem zweiten Raum die Relaisstation für die Fernsprecher. Aber nur ganz wenige Menschen in Landin hatten einen Telefonanschluss. Wenn das Postauto kam, wurden in der Steinstr. 4 die Briefe, Karten und Pakete ausgeladen und Betty verteilte alles getreulich mit dem Fahrrad im ganzen Dorf. Sie nahm auch die Telegramme entgegen und fuhr zu jeder Tag- und Nachtzeit auch Telegramme aus. Sie trug während des Dienstes immer ihre Postuniform. Darauf legte sie wert.

Ihr Neffe Rudolf Nelde brachte ihr eine junge Frau ins Haus und nach und nach vier Enkelkinder, um die sie sich liebevoll aber mit Autorität kümmerte. Die Enkel waren oft bei Oma und ließen sich verwöhnen. Oma machte „Arme Ritter“, kochte Grüne Bohnen, Kartoffelsuppe und immer einen Nachtisch. „Arme Ritter“ liebten die Enkel über alles. Dabei werden alte Brötchen halbiert und in eine Milch-Eier-Zucker-Soße eingelegt und anschließend mit Zucker und Zimt gebraten. Der Duft ist den Enkelkindern bis heute in der Nase geblieben. Nach dem Essen schlief der Opa auf dem alten Sofa ein und musste erst wieder neue Kräfte sammeln. Die Kinder hatten auch ihre Aufgaben zu erfüllen. Darauf achtete Oma Betty.

Als die Frau ihres Neffen, Brigitte Nelde, Bürgermeisterin von Landin wurde, hatte sie die Enkelkinder noch öfter bei sich. Betty und Karl hatten kein Bad in ihrem Haus und nur ein Plumpsklo auf dem Hof. Als in Landin ein Neubau errichtet wurde, war es für Betty und Karl klar: „Wir ziehen dort ein.“
Hier gab es neben den zwei Zimmern nun endlich ein modernes Bad. Sie fühlten sich wie im Paradies und der Konsum war gleich im Haus.

Die Enkel Lutz Nelde, Heidemarie und Petra Nelde

Der Neubau in Landin mit Konsum

Betty Ast liebte alle Tiere und hatte fast ihr ganzes Leben lang einen Spitz. Sie reiste auch gern und verschickte dann Ansichtskarten. Auch wenn es nur nach Potsdam Sanssouci ging, war sie glücklich. Sie war der Ansicht: Reisen verlängert das Leben! Wenn sie eine Woche in Urlaub war, kam ihr die Zeit wie ein halbes Jahr vor. Die Landiner Nachbarn, die in ihrem Alltagstrott weiterlebten, hatten oft gar nicht bemerkt, dass sie fort war.

Speisesaal Schloss Sanssouci

Weihnachtsbaum in der „guten“ Stube
 

Silberhochzeit von Betty und Karl Ast

Zu Weihnachten gab es in der Familie Ast Kaninchenbraten. Die Kaninchen wuchsen hinter dem Haus in Buchten heran und wurden von den Enkelkindern mit Gras versorgt. Betty schmückte den Weihnachtsbaum immer selbst. Sie hatte einen Sinn für das Schöne und ihr Baum war jedes Jahr eine wahre Pracht.
Zur Silberhochzeit am 05.3.1957 feierte sie mit Verwandten und Freunden ein kleines Fest.

Betty Ast hatte eine Handtasche, die sie immer mitnahm, wenn sie auf Reisen ging und zu Hause durfte niemand an ihre Handtasche gehen. Da konnte sie richtig böse werden. Sie tat alle Zeit immer geheimnisvoll und wichtig mit ihrer Handtasche. Und das hatte auch seinen Grund. In der Handtasche befanden sich alle notwendigen Papiere, die ein Mensch in Deutschland braucht.

Stammbuch mit Heiratsurkunde
 

Personalausweis 1933
 

Arbeitsbuch von Bettina Ast

Bescheinigung vom Königlich-Preußischen Kriegsministerium über den Tod des Vaters am 15.06.1915

Betty war immer eine Frau, die gern alles plante und sich nicht gern überraschen ließ. So hatte sie in der Handtasche auch den Text für die Annonce im Todesfall ihres Mannes auf einem Zettel parat. Aber sie war nicht die einzige Frau im Dorf, die ihre Papiere immer bei sich hatte. Viele standen in der Nacht, wenn ein Gewitter über Landin stand, auf und holten eine Kassette mit den wichtigsten Papieren hervor und warteten auf das Ende des Unwetters. Betty hatte alles, was ihr wichtig war, in dieser Handtasche aufbewahrt. Im 19.04.1980 starb sie an Krebs in Landin. Bis zum Tode wurde sie von Brigitte Nelde liebevoll umsorgt.

Grabstein von Betty und Karl Ast

Am 24.04.1980 wurde sie auf dem Friedhof in Landin zur letzten Ruhe geleitet. Ihr Ehemann Karl, der Pfarrer Friedhelm Kalkowsky und die Angehörigen waren traurig, denn sie wurden von allen Menschen geliebt. Die Enkelkinder fanden, dass diese Handtasche ein Schatz für ihre Familienchronik war und nun verstanden sie auch, warum die Oma Betty immer so besonders mit dieser Handtasche umgegangen war.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.04.2021


 

Das Lebensende der Alice von Bredow

Alice und Dr. jur. Wichard von Bredow zur Silberhochzeit am 10.11.1942

Die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg also von 1919 – 1939 war für Alice von Bredow eine glückliche Zeit. Sie lebten in Landin und ab 1937 war Dr. jur. Wichard von Bredow Landrat des Kreises Pillkallen in Ostpreußen, was seine Frau ganz besonders freute, war sie doch so ihrer alten Heimat Spahren ein Stück näher gerückt. 1938 wurde der Kreis Pillkallen in Kreis Schlossberg umbenannt. Pillkallen kommt aus dem Litauischen war wohl nicht Deutsch genug für die Nazis. Pilis heißt Schloss in Litauischen und Kalnas Berg.

Aus dieser Zeit werden zwei wichtige Begebenheiten erzählt. Dr. jur. Wichard von Bredow hatte als Landrat des Kreises Schlossberg in Ostpreußen das Inbrandsetzen der Synagoge in Schirwindt am 10.11.1938 verhindert. Als er in einem Fernschreiben vom Gauleiter informiert wurde, dass alle Synagogen in Deutschland angezündet werden sollten, zog er seine Majorsuniformjacke an und stellte sich mit seiner Pistole vor die Synagoge in Schirwindt und erklärte den brandlüsternen SA- und SS-Trupps, dieses Gotteshaus könnten sie nur über seine Leiche betreten. Daraufhin zogen die Nazihorden unverrichteter Dinge wieder ab. Die Synagoge blieb unversehrt. Eines der wenigen jüdischen Gotteshäuser, die nicht zerstört wurden. Die mutige Tat des Landrates blieb ohne Folgen. Der Landrat hatte ein hohes Ansehen und auch viel Macht. Er war Landrat des östlichsten Kreises des Deutschen Reiches und Schirwindt war die östlichste Stadt Deutschlands.
Eine zweite Geschichte hatte für sein späteres Leben große Bedeutung. Der Rinderbauer Jürgen Früchte aus Haarstorf im Kreis Uelzen hatte in Ostpreußen Land gepachtet und hielt darauf schottische Hochlandrinder „Aberdeen Angos,“ die natürlich im Freien lebten. Ein dummer Parteibonze zeigte ihn wegen nicht artgerechter Haltung der Rinder und Sabotage der Volksernährung bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) an. Jürgen Früchte wurde verhaftet und kam in das Gefängnis nach Tilsit. Nur auf Intervention des Landrates Dr. jur. Wichard von Bredow kam er wieder frei.

Kreis Pillkallen/Ostpreußen

Als die Rote Armee immer näherkam, verließen Alice und Dr. jur. Wichard im Januar 1945 Schlossberg und kehrten nach Landin zurück. Aber auch da war die Familie nicht mehr sicher und so machten sie sich am 23.04.1945 von Landin aus mit dem Auto auf den Weg in den Westen. Alice und Dr. jur. Wichard von Bredow wurden dort in ein Flüchtlingslager bei Lehnsahn (Holstein) gesteckt. Die Lebensumstände waren sehr karg. Jürgen Früchte, der Rinderbauer aus Haarstorf im Kreis Uelzen suchten seinen ehemaligen Landrat Dr. jur. Wichard von Bredow und fand ihn auch. Er holte das Ehepaar 1945 sofort aus dem Lager. Aus Dankbarkeit nahm er Alice und Dr. jur. Wichard von Bredow in sein Haus auf. Dr. jur. Wichard von Bredow wurde als Nachtwächter angestellt und Alice half in der Küche, im Haus, im Garten und auf den Feldern mit und verdiente sich so ihren Lebensunterhalt.

Dr. jur. Wichard von Bredow war in der NSDAP gewesen und durfte als Nazi keine Ämter annehmen. Seine Entnazifizierung kam spät. Nachdem Wichards Pension anlief, plante das Ehepaar von Bredow 1951 nach Willebadessen umzuziehen, denn die halbe Familie war dort auf dem Schloss des Freiherrn von Wrede schon untergekommen. Dr. jur. Wichard von Bredow starb aber am 30.05.1951, zwei Tage nach seinem 63. Geburtstag, in Haarstorf bei Ebstorf im Kreis Uelzen. So musste Alice von Bredow allein umziehen, aber ihr jüngster Sohn Hubertus (*1925 - † 1980) half ihr beim Umzug. Vom 16.07.1951 an wohnte sie dann in der Bahnhofstraße im Hause Hinzmann in Willebadessen. Im November 1951 zog auch ihr Vater, Otto Baron von Grotthuss, nach Willebadessen zu seinem Sohn Fred. Alice übernahm sofort die Betreuung des alten Vaters und umsorgte ihn bis zu seinem Tode am 19.02.1954. Otto Baron von Grotthuss genoss die täglichen Spaziergänge mit seiner Tochter Alice zum Schloss zu seiner Schwester Anna und war auch gern als Gast beim Freiherrn von Wrede gesehen.

Alice von Bredow wohnte 24 Jahre in Willebadessen (1951 -1975). In dieser Zeit war sie immer für ihre Familie und liebe Freunde da. Sie führte den Haushalt ihrer Kinder, wenn die Mutter nach der Entbindung noch der Ruhe bedurfte oder wenn die Kinder krank waren. Auch in der Evangelischen Kirchengemeinde Peckelsheim/Willebadessen engagierte sie sich und war Mitglied im Presbyterium (Gemeindekirchenrat). Sie besuchte regelmäßig die Evangelischen Kirchentage und organisierte Busreisen für die Gemeinde nach Holland, Hessen, in die Lüneburger Heide und zur Ost- und Nordsee. Sie machte die Kirche sauber, läutete die Glocken und stellte frischen Blumen auf den Altar. Durch ihr unermüdliches Engagement gelang es ihr, so viele Spenden aufzutreiben, dass die Evangelische Trinitatis-Kirche in Willebadessen am 22.04.1955 eingeweiht werden konnte. 21 Jahre lang war sie auch Schriftführerin des Bundes der Vertriebenen (BdV) und spielte auch kleine Rollen bei Theaterstücken in der Kirche. Im Garten der Familie Hinzmann hatte sie riesige Erdbeerbeete angelegt und wenn die Erntezeit kam, verreiste sie nie, sondern produzierte wie in Spahren und Landin, ein Seihtuch um die vier Beine des umgekippten Stuhls gespannt, Säfte und Marmeladen. Am 09.10.1967 feierte sie mit ihren vier Söhnen und zwei Brüdern ihren 70. Geburtstag in Heeßel.

Von links: Roswitha (Dutti) Baronin von Grotthuss, Fred Baron von Grotthuss, Harald Baron von Grotthuss, Hans-Peter von Bredow, Alice von Bredow, Oda und Max-Wichard von Bredow, Annelie und Jürgen von Bredow, Carola und Hubertus von Bredow. Vorn sitzen ihre Enkelkinder von Oda und Max-Wichard von Bredow aus Heeßel von links: Daisy (*1961), Oda (*1965), Hasso-Elgar (*1958) und Wichard (*1959)

Im Schloss Willebadessen waren nach dem Tode ihres Vaters auch alle anderen Verwandten nach und nach gestorben. Die Söhne rieten ihr nun in ihre Nähe umzuziehen und so ging sie am 01.10.1975 in das Johanniter-Heim in Celle. Max-Wichard von Bredow lebte mit seiner Familie in Heeßel. Der jüngste Sohn Hubertus von Bredow half wieder beim Umzug. Er war Offizier der Bundeswehr, zuletzt in Hannover und starb 1980 an einer unheilbaren Erkrankung, betrauert von seiner Frau Carola von Bredow (*1940), seinen Söhnen Markus (*1960) und Axel (*1966) und von seiner Mutter. Alice von Bredow hatte sich auch in Celle sehr schnell eingelebt und fand Kontakt zu Freundeskreisen im Johanniter-Heim. Sie half auch, soweit es ihre Kräfte erlaubten, in der Kirche mit. Das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel verbrachte sie immer bei ihrem Sohn Max-Wichard von Bredow und ihrer Schwiegertochter Oda von Bredow in Heeßel.
Eine große Auszeichnung bekam sie am 10.10.1976 von der Evangelischen Gemeinde Peckelsheim. Anlässlich des 150- jährigen Bestehens der Gemeinde überreichte ihr Pfarrer Ulrich Johannsen vom Diakonischen Werk in der Stadthalle von Peckelsheim in einem Festakt das „Goldene Kronenkreuz der Diakonie.“ Ihre Hände waren immer in Bewegung. Bewaffnet mit einer Gartenschere versuchte sie den Park im Johanniter-Heim in Celle zu bearbeiten. Sie sammelte auch Holz im Park und zersägte es in kleine Stücke mit einem Fuchsschwanz und verstaute es in Säcke. Dieses Kaminholz bekam ihr Sohn Max-Wichard in Heeßel. Wenn man sie bei dieser Arbeit beobachtete, kam es immer zu unschönen Diskussionen, denen sie aus dem Weg ging, indem sie die Holzaktion in die Mittagspause verlegte.

Landratsamt in Rathenow

Zum Höhepunkt ihrer letzten Lebensjahre gehörte eine Reise nach Landin vom 22.08. - 26.08.1983. In Begleitung ihrer Söhne Jürgen von Bredow und Max-Wichard von Bredow sowie dessen Frau Oda wohnten sie im „Hotel der Optik“ in Rathenow (heute Fürstenhof). Max-Wichard von Bredow war entsetzt über die schlechten Betten, die Kakerlaken im Waschbecken und den defekten Fernseher, in dem eine Abhöreinrichtung der Staatssicherheit (Stasi) vermutet wurde. Sie fanden die Gutshöfe der Bredows ziemlich heruntergekommen vor. In Landin war ja auch das Schloss abgebrannt worden. Aber als sie die Menschen in Landin und Kriele trafen, da ging ihnen das Herz auf. So viel Dankbarkeit und Herzlichkeit, mit der man sie empfing. Elli und Walter Müller, Gerhard Hünicke und viele Menschen, die sie in den Tagen in Landin trafen. Auch bei mir als Kreishygienearzt von Rathenow waren sie zu Gast. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam. Ich denke, es geschah auf Vermittlung meiner Erbtante Hertha Brunow aus Landin. Ich führte sie durch Rathenow und beim Kreishaus meinte Alice von Bredow, ihr Schwiegervater Max von Bredow (*14.08.1855 - † 26.01.1918) hat ihr oft erzählt und auch gezeigt, wie er mit seiner Frau als königlich preußischer Landrat im Westhavelland in Rathenow im Kreishaus gewohnt hatte. Da vorn im ersten Stock rechts war unser Schlafzimmer und hinten im Hof war der Pferdestall. Es gab damals für die Landräte eine Präsenspflicht im Landratsamt.

Todesanzeige für Alice von Bredow

Wir saßen dann noch lange abends zusammen in meiner kleinen Einraumwohnung in Rathenow-Ost in der Dr.-Salvador-Allende-Str. 40. Die meiste Zeit verbrachten sie aber in Landin und Kriele. Die von Efeu überwucherte Grabstelle der von Bredows brachten sie etwas in Ordnung. Und Alice vermahnte alle, stark zu sein und jeden Anschein von Verzweiflung, Trauer und Sentimentalität zu vermeiden. Sie sagte: „Wie müssen Vorbild sein, denn den Menschen hier ist es viel schlechter ergangen als uns.“ Und trotzdem war auch Alice von Bredow im Innersten tief bewegt. Nach 38 Jahren war sie das erste Mal wieder in ihrer Heimat. Das war es, was ihren letzten Lebenstagen noch einmal einen Glanz verlieh. Sie hatte immer davon geträumt, dass sie noch einmal nach Landin kommen könnte. Die Hoffnung und die Erwartung waren aber mit den Jahren abhandengekommen.
Neun Monate später am 26.05.1984 starb sie im Krankenhaus Celle.

Alice von Bredow war der Mittelpunkt und die Nachrichtenstelle ihrer Familie und dabei immer bescheiden, wenn es um sie ging. So war sie erzogen worden. Fleißig, rührig, für andere da sein. Das war ihre Lebensmaxime. Ihre Tagebücher zeigen auch etwas von ihrer inneren Verfassung, aber das wollte sie lieber für sich behalten. Nach außen war sie immer stark und so muss man dieses Mädchen aus Spahren in Kurland, diese Gutsfrau in Landin, die Frau des Landrates im Kreis Pillkallen und dieses aktive Mitglied der Evangelischen Kirche in Willebadessen auch so nehmen, wie sie war – ein liebenswerter Mensch mit kurländischem Geist. Durch ihre Tagebuchaufzeichnungen wird sie indessen doch auch in den Rang einer Schriftstellerin und Historikerin gehoben. Denn das war sie auch.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.03.2021

Ich danke Otto Freiherr von Grotthuss für die Unterstützung und für die leihweise Überlassung des Buches von Max-Wichard von Bredow „Spahren – ein Gut in Kurland“, aus dem das meiste mit kleinen Veränderungen zitiert wurde.


 

Harald Bork kehrt nach Landin zurück

Harald Wolfgang Bork wurde am 20.09.1959 in Rathenow geboren. Sein Vater Gerhard Hermann Bork (*26.06.1934 -†19.02.2007) hatte eine kleine Landwirtschaft in Landin. Seine Mutter Edith Anna Bork, geborenen Brümmerstädt, (*24.03.1934 - † 02.10.2010) war Hausfrau. Die Familie bewohnte ein kleines Fachwerkhaus in Landin, Steinstr. 13. Als das Fachwerkhaus so marode wurde, dass es nicht mehr bewohnt werden konnte, wurde es einfach abgetragen und die Familie zog zum Haus der Großmutter, Brigitte Brümmerstädt, Steinstraße 19, um. Die Großmutter zog in das Hexenhaus am Buchtgraben, das die Gemeinde verwaltete. Der Vater bewirtschaftete mit seiner Frau acht Hektar Ackerland und fünf Hektar Wiesen. Auf dem kleinen Bauernhof wurden sechs Kühe, zehn Schweine, zwei Pferde und Hühner, Enten und Gänse gehalten.

Elternhaus von Harald Bork; Landin, Steinstr. 19

1970 gingen die Borks in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) „Freie Scholle“ in Landin.
Harald wuchs mit fünf Geschwister auf: Norbert Bork (*18.11.1955 - † Januar 1988), Gudrun Bork (*4.11.1957 – † 02.07.1967), Gabriele Bork (*02.05.1962), Marlies Bork (*13.06.1965) und Uwe Bork (*02.04.1967).
Harald Bork besuchte von 1966 – 1969 die erste bis dritte Klasse in Kriele und kam dann zur Polytechnischen Oberschule nach Stechow, wo er die 10. Klasse absolvierte. Von 1976 – 1978 erlernte er im Hochbaukombinat (HBK) Rathenow den Beruf des Ausbaufacharbeiters. Dieser Beruf vereinigte die Handwerke Mauer, Maler, Putzer und Fliesenleger. Nach der Facharbeiterprüfung blieb er noch ein Jahr beim HBK in Rathenow und ging dann als Maurer zum Volkseigenen Gut (VEG) Rhinsmühlen, wo er fünf Jahre lang arbeitete. Von 1984 -1990 arbeitete er als Handwerker in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) -Tierproduktion in Rhinow. Nach der Einheit Deutschlands wechselte er fast jährlich die Arbeit bei verschiedenen Baufirmen wie Wirtschafts- und Heimbau GmbH Stechow und deren Nachfolgefirma, die Isensee Bau GmbH Stechow und viele andere mehr. Nach einer Herzoperation 2012 konnte er die schwere körperliche Arbeit nicht mehr weiterführen und arbeitet seither für einen Sicherheitsservice in Potsdam. Am 13.03.1982 heiratete Harald Bork Christiane Garbe und wohnte von 1984 -1996 in Kleßen. Dem Ehepaar Bork wurden zwei Kinder geboren, Mareike (*04.05.1984) und Fabian (*15.12.1986).

Harald Bork vor seinem Haus; Landin, Steinstr.7

Die Familie Bork hätte gern in Kleßen ein neues Haus gebaut, aber die Bauvorschriften erlaubten das nicht. So kauften Christiane und Harald Bork 1996 das Haus von Otto Hildebrandt in Landin, Steinstraße 7 und baute es um und aus.
Zuerst wurde das Dach erneuert und danach das Obergeschoß mit drei Zimmern neu gebaut. Ein elterliches Schlafzimmer und für die beiden Kinder je ein Zimmer. Im Erdgeschoß baute er ein neues Bad, eine neue Küche und ein großes Wohnzimmer. Die Treppe musste neu gebaut werden und eine Heizung eingebaut werden. Natürlich mussten auch die Elektrik und die Fußböden komplett erneuert werden. Es war eben ein altes verwohntes Haus. Da Harald Bork Ausbaufacharbeiter war, konnte er die meisten Arbeiten selbst machen. Das sparte Kosten und Zeit. Es war 1996 eine Rückkehr an den Ort seiner Kindheit und das machte ihn froh und glücklich. Er hat einen Hahn und 17 Hennen von New Hampshire-Hühnern und züchtet Tauben.

New Hamshire Hahn mit seinen Hühnern

Grabstein von Edith und Gerhard Bork auf dem Friedhof um die Landiner Dorfkirche

Seine Eltern liegen nur ein paar Schritte von ihm entfernt auf dem kleinen Landiner Dorfkirchenfriedhof. Und seine Schwester, die im Großen Havelländischen Hauptkanal ertrunken war sowie sein Bruder Norbert, der auf mysteriöse Weise in Premnitz zu Tode kam, erinnern mit einem Stein an ihre Zeit auf der Erde.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.02.2021


 

Die Hochzeitsreise von Alice und Dr. jur. Wichard von Bredow nach Landin

Das Brautpaar Alice und Wichard

Nach der Hochzeit am 10.11.1917 auf dem Gut Spahren im heutigen Lettland machte sich Dr. jur. Wichard von Bredow (* 1888 - † 30.05.1951) mit seiner Frau Alice von Bredow, geborene Baroness von Grotthuss, sofort auf die Hochzeitsreise. Und wo konnte die wohl anders hingehen als nach Landin.
Am 11.11.1917 standen die beiden schon sehr früh auf und packten noch einen kleinen Rest von Sachen zusammen, ehe es in Begleitung der ganzen Familie und der Hausangestellten mit den Kutschen zum Bahnhof ging. Es war ein toller Abschied. Alice hatte noch zwei Flaschen Sekt und Gläser eingepackt und dann ging es los zum Bahnhof. Aber zuerst wurde noch am Bahnhof ein Glas Sekt getrunken auf den Abschied von der Heimat Spahren. Freunde begleiteten sie auch auf der Zugfahrt. Der Zug fuhr bis Mitau, wo man bei Verwandten eine kurze Rast einlegte und am nächsten Tag nach Pozeruny fuhr, wo die Zollkontrolle erfolgte, denn der nächste Ort gehört schon zu Deutschland. Von Allenstein ging es dann mit dem Schlafwagen nach Berlin. Auf dem Bahnhof Berlin-Friedrichstraße erwartet das junge Paar am 13.11.1917 früh am Morgen eine Droschke, die der Schwiegervater von Alice, Max von Bredow, vorbestellt hatte. Sie brachte die beiden zum Hotel Kaiserhof, wo die Schwiegermutter von Alice, Eugenie (Jenny) von Bredow, geborenen Gräfin von Schwerin aus dem Hause Wildenhoff/Ostpreußen (*1860 - † 1922), ein komfortables Zimmer bestellt hatte. Nach einem erfrischenden Bad gingen beide recht müde zu Bett und schliefen erst mal eine Runde.
Als sie um 12:00 Uhr wieder wach wurden, aßen sie um 13:00 Uhr im Kaiserhof zu Mittag und machten dann bei unwirtlichem Novemberwetter in Berlin eine Shopping-Tour. Um 20:00 Uhr hatten sie in dem berühmten Restaurant „Borchardt“ ein Souper bestellt und Alice wunderte sich, dass es trotz Kriegszeiten noch den Champagner „Veuve Cliquot“ gab. Am 14.11.2017 ging es nach dem Frühstück wieder in die Geschäfte von Berlin, von denen Alice nicht genug sehen konnte und Wichard war geduldig und ließ alles über sich ergehen. Zum Kaffee waren sie bei Tante Misi Schwerin in der Hohenzollernstraße 3 eingeladen und hatten sich so viel zu erzählen, dass Wichard zum Aufbruch drängen musste, denn um 19.00 Uhr hatte Wichard Karten für „Figaros Hochzeit“ im Charlottenburger Opernhaus besorgt und sie bekamen auch eine Taxe, die sie vom Kaiserhof zur Oper brachte.
Sie waren verliebt und glücklich und genossen alles in vollen Zügen. Zum Glück hatten sie aus Spahren einen großen Korb voll Lebensmittel mitgebracht und so holten sie zum Frühstück ihre Butter hervor, die es in Berlin nicht mehr gab. Am 15.11.1917 war es in Berlin etwas freundlicher und der Stadtbummel war deshalb für beide etwas angenehmer. Bei Kranzler aßen sie Eis und am Abend hatte Wichard wieder Karten für das „Dreimädelhaus“ im Friedrich-Wilhelm-Städtischen-Theater bestellt. Am 16.11.1917 ging es, nachdem das Reisegepäck mühevoll verstaut wurde, endlich mit dem Zug nach Friesack. Alice fand das Osthavelland wenig hübsch. In Friesack hielt vor dem Bahnhof ein Landauer (viersitziger Verdeckwagen) und Alices Schwiegervater, Max von Bredow (*1855 -†1918), nahm sie am Bahnsteig persönlich in Empfang. Der alte Kutscher Becker brachte das Gepäck in den Landauer.

Landauer

Der Schwiegervater von Alice, Max von Bredow, Herr auf Landin und Kriele, war Landrat im Westhavelland in Rathenow, Vorsitzender des Familienverbandes von Bredow und Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Er hatte Alice später oft gezeigt, wo er im Kreishaus gewohnt hatte. Im ersten Stock rechts war das Schlafzimmer und hinter dem Kreishaus befanden sich die Pferdeställe. Die vier großen Pferde, die den Landauer zogen, stammten aus dem Marstall der Kaiserin von Deutschland, Auguste Victoria, und waren zum Durchfüttern nach Landin gegeben worden. Das Wetter war schön und Alice genoss die zwölf Kilometer bis Landin sehr, denn im Gegensatz zum Osthavelland, ging es vorbei an Wiesen, Feldern und durch den Wald, als sie die Ackerbürgerstadt Friesack verlassen hatten.
Einen Kilometer vor Landin wurden sie von zwei Reitern begrüßt, die einen Willkommensbrief vom Schlächtermeister und vom Schmiedemeister aus Kriele überreichten. Am Dorfeingang war eine Girlande gespannt mit der Aufschrift „Herzlich Willkommen“ und mitten im Dorf eine zweite Girlande mit der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch“ und die Schlosseinfahrt war auch mit einer Blumengirlande geschmückt. Vor dem Schloss in Landin hatten sich fast alle Männer, Frauen und Kinder aus Landin und Kriele versammelt und die Honoratioren hießen das junge Paar herzlich willkommen. Der Pfarrer Nagel, der Förster Ernst und der Oberinspektor Erfurt hielten Begrüßungsreden. Der Förster Ernst war auch Vorsitzender des Kriegervereins von Landin und so schritt Wichard von Bredow die Front der angetretenen Mitglieder des Kriegervereins ab und bedankte sich anschließend für die warme Aufnahme durch die Bewohner.

Landiner Schloss von der Hofseite

Die Dorfkinder hatten der Alice unzählige Blumensträuße überreicht, was sie sehr rührte. Unter dem über und über mit Blumen geschmückten Portal standen die Schwiegermutter Jenny von Bredow und Wichards Schwestern Elsa von Karstedt, geborenen von Bredow, (*1883 - †1945), Valeska von Bredow, genannt Vally (1880 – † 1958) und sein Bruder Harald von Bredow und begrüßten das junge Paar. Dann kamen erneut Schulkinder mit Blumen und sagten Gedichte auf. Überall standen Blumen und auch der Landrat vom Osthavelland in Nauen, Herr von Hahnke hatte Chrysanthemen geschickt. Wichards früheres Zimmer hatte man zum Salon umfunktioniert und daneben befand sich das Schlafzimmer des jungen Paars. Hinter dem Schlafzimmer gab es noch einen Umkleideraum für die beiden frisch Vermählten. Nach einer kleinen Verschnaufpause wurden Tee und Kuchen serviert und am Abend gab es ein Hochzeitsdiner.

Das kleine Haus in Landin

Vier Wochen Urlaub waren Wichard von Bredow für die Hochzeit mit Alice bewilligt worden und so wurde fast jeden Tag ein Besuch bei den Bredows im Havelland gemacht. Alice und Wichard fuhren nach Senzke, Pessin, Bredow, Wagenitz, Vietznitz, Burg Friesack, Klessen, Görne und Stechow. Überall saßen die Bredows und freuten sich, als Wichard seine junge schöne Frau vorstellte. In Stechow war der Empfang besonders herzlich, denn ihre Exzellenz Marie von Bredow, geborene Freiin von Langermann und Erlencamp (*1859 - † 1948) führte dort den Haushalt ihres Sohnes Wilhelm von Bredow (*1891 - † 1979), der auch viele Jahre Vorsitzender des Familienverbandes derer von Bredow war. Natürlich waren Alice und Wichard auch in Briesen und Kotzen. Alice hatte sich gleich im Havelland heimisch gefühlt. Die vielen Wäldern, Seen, Wiesen und Feldern gefielen ihr und Wichard tat alles, dass sie in ihrer neuen Heimat Landin ankam und so war es wohl auch. Alice war in der Blüte ihrer Jugend an ihr Lebensziel gelangt, so dachte sie wenigstens. Es waren die schönsten Wochen ihres Lebens. Dass sie nach 28 Jahren ihre lieb gewonnene Heimat Landin im Havelland erneut verlassen musste, konnte sie damals noch nicht ahnen.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.01.2021

Ich danke Otto Freiherr von Grotthuss für die Unterstützung und für die leihweise Überlassung des Buches von Max-Wichard von Bredow „Spahren – ein Gut in Kurland“, aus dem das meiste mit kleinen Veränderungen zitiert wurde.


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